Orcumorra: Siegel des Feuers - Kapitel 1: "Ihr seid spät"

I

 

Das melodische Konzert eines leise zirpenden Orchesters tausender kleiner Grillen drang wie von weiter Ferne zu ihr heran und kitzelte in ihren Ohren, während ein warmer Westwind sanft über ihren Körper strich. Gleichzeitig spürte sie die letzten Sonnenstrahlen eines sommerwarmen Tages auf ihrer Haut, und ein wohliges Prickeln ließ ihre Nervenbahnen leicht erzittern, als ihre Sinne vorsichtig erwachten. Mit jener ersten Regung neuen Lebens spürte sie unter sich auch den angenehm kühlen, spiegelglatten Stein, auf dem sie lag, und sogleich bahnte sich das goldene Leuchten der Abenddämmerung zaghaft, aber dennoch bestimmend seinen Weg durch ihre sich behutsam öffnenden Lider. Augenblicklich sog sie die Lungen voller Luft, ein Reflex, dem ein kurzes Husten und Japsen und schließlich ihre ersten echten Atemzüge in dieser neuen und ihr zugleich so wohlbekannten Welt namens Orcumorra folgten. Dann endlich stand sie auf, erhob sich langsam zu ihrer vollen Größe - was nicht besonders viel war, doch schien dies in ihrem Fall nicht von Bedeutung - und begann zu sehen.

 

Begann zu sein.

 

Bernsteinfarbene Augen blickten sie an, als sich ihre Sehkraft schärfte. Volle Lippen formten sich zu einem Lächeln, und lange, feuerrote Locken wogten sanft zur Seite, um einen flüchtigen Blick auf die Vollkommenheit des nackten Körpers freizugeben, den sie zart umschmeichelten und der sich nun in dem glänzenden Fels vor ihr zeigte. Die ihn bedeckende helle und makellose Haut strahlte ihr dabei förmlich entgegen, wobei die bänderartigen Ornamente auf derselben in dem ihnen so eigenen, betörenden Gold bei jeder ihrer Bewegungen dezent schimmerten.

 

So stand sie da, nahezu regungslos und ein wenig verträumt, und betrachtete fasziniert ihr Spiegelbild in dem winzigen Teil des sich vor ihr erstreckenden, gigantischen und tiefschwarzen Spiegelgebirges. Jede ihrer Reinkarnationen war anders, und schön anzusehen waren sie bisher alle gewesen, doch jene hier war besonders. Sie war besonders auf eine Art und Weise, die sie noch nicht genau einzuordnen vermochte, doch diese eine war die Schönste von allen, das durfte sie fraglos und ganz ohne Arroganz von sich behaupten. Mit diesem Gedanken schenkte sie sich selbst ein kaum merkliches, anerkennendes Nicken und befand, dass es Zeit war zu taufen, was soeben auferstanden war. Und so gab sich die Feuerstochter, die Hüterin der Dimensionen der Wiederkehr, der Endgültigkeit und der Verdammnis, ihren Namen: Sie war Alaru.

 

»Ihr seid spät.«

 

Erschrocken ob des plötzlichen Klanges dieser fremden, tiefen Stimme hinter sich fuhr sie ruckartig herum. Dabei registrierte sie nur am Rande die leicht im Wind wogenden Wiesen, welche in einen tiefgrünen Wald gegenüber des Spiegelgebirges mündeten, während der süße Duft unzähliger Wildblumen flüchtig an ihr vorüber schlich und sie automatisch für den Bruchteil eines Wimpernschlags den Anblick der in der Ferne untergehenden drei Sonnen im Auge behielt. Derweil entging ihr das sechsäugige, schlangenartige Geschöpf mit den langen Reißzähnen und ausladenden, krallenbewehrten Flügeln - ein Draque -, welches suchend über den Wäldern kreiste, gänzlich. So sah die Feuerstochter auch nicht mehr, wie der etwa drei Meter lange, rot geschuppte Jäger geschickt in den dichten Wald hinein tauchte, um seine just erspähte, potenzielle Beute zu reißen. Doch selbst wenn sie dessen gewahr geworden wäre, hätte sie die Energie ihrer noch nicht vollends erwachten Sinne keinesfalls auf dieses Raubtier verwendet. Zweifelsohne war für die Betrachtung solcherlei Belanglosigkeiten später noch genügend Zeit, und so richtete sich ihre ganze Aufmerksamkeit nunmehr ausschließlich auf einen Mann, der unweit von ihr mit vor der Brust verschränkten Armen an dem spiegelnden Felsen lehnte. Dabei erweckte der leise in sich hinein grinsende Fremde für einen kaum die Dauer eines Atemzugs währenden Moment den Eindruck, als stünden gleich drei identische Menschen dort. Eine Illusion, deren Entstehung dem Gebirge sowie Alarus noch schwach vernebeltem Bewusstsein geschuldet war und die sich dank eines schnellen Blinzelns ihrerseits und ein bisschen Konzentration genauso rasch wieder verflüchtigte, wie sie zuvor bei ihr hatte Verwirrung stiften können. Egal, wie alt sie auch wurde, und egal, wie oft sie wieder auferstand, eines war und blieb sicher: An die kleinen Streiche, die ihr ihre Sinne noch für eine kurze Weile nach ihrer Ankunft in Orcumorra spielten, würde sie sich wohl niemals gewöhnen.

 

Jetzt allerdings fixierte sie den Blick des Fremden, dessen linkes, stahlblaues Auge ihr eine kleine Regung schenkte, während sein rechtes hinter einer ledernen Augenklappe verborgen blieb. Unterdessen zog er die Stirn unter seinem kurz geschorenen schwarzen Haar in Falten, hob die linke Augenbraue in die Höhe und versuchte merklich, seinen Blick nicht allzu lange auf ihr ruhen zu lassen. Die Feuerstochter nahm indes zufrieden wahr, wie sich die goldfarbenen Ornamente auf ihrer Haut erwärmten und ihr feuriges Glühen nach und nach stärker wurde. Denn auch wenn ihre Macht noch nicht vollständig zurückgekehrt sein mochte (wofür es noch an einer wichtigen Kleinigkeit fehlte), würde sie für die Beseitigung eines feindlich gesonnenen Menschen freilich ausreichen. Unter diesem Wissen hob Alaru ohne noch länger zu zögern grimmigen Blickes und mit einem bedrohlichen Funkeln in den Augen die linke Hand, über der sich sofort ein faustgroßer Feuerball manifestierte, um dort schwebend und unruhig zuckend auf ihr Kommando zu warten.

 

»Wer seid Ihr und was habt Ihr hier verloren?« knurrte sie düster, woraufhin die Worte ihrer dezent rauchigen Stimme einen Augenblick lang zwischen den Felsen widerhallten und die um sie herum immer heißer werdende Luft zu flimmern begann. Für Höflichkeiten war weder die passende Zeit noch der passende Ort. »Ich rate Euch, sprecht lieber schnell!«

 

»Glaubt Ihr etwa allen Ernstes, dass ich hier bin, um Euch zu töten oder dergleichen?«, sagte der Fremde gelassen, während ein amüsiertes, über seine Lippen huschendes Grinsen sein Gesagtes noch untermalte. Anschließend stieß er sich unter dem verhalten protestierenden Knirschen seiner in dunklen Grüntönen gehaltenen Lederkleidung von dem Felsen ab, zupfte den Revers seines knielangen, schweren und dunkelbraunen Leinenmantels zurecht und rückte Bogen samt Köcher auf seinem Rücken gerade. »Hätte ich das gewollt, dann hätte ich längst gehandelt, Herzchen. Immerhin hat es eine Weile gedauert, bis Ihr endlich aufgewacht seid.«

 

Alaru stutzte kurz und wunderte sich. Offenbar hatte dieser Mensch ein ziemlich lockeres Mundwerk, jedoch änderte das nichts an dem vertrauenswürdigen Eindruck, den er bei ihr hinterließ. Aber war sie inzwischen wirklich wach genug, um sich auf ihr eigenes Urteil auch verlassen zu können? Trotz der in ihr langsam aber sicher aufkeimenden Ahnung, wer er wohl sein mochte, beschloss sie, sich vorerst noch nicht allzu sehr auf ihre Intuition zu verlassen und stattdessen abzuwarten, was als Nächstes kam.

 

»Ihr seid schnell mit Euren Worten«, antwortete sie schließlich. »Seid Ihr auch genauso schnell mit Eurem Bogen?«

 

»Das wollt Ihr nicht wissen«, erwiderte der Fremde lachend und schüttelte den Kopf. »Nicht in Eurer jetzigen Verfassung.«

 

Bedeutungsvoller hätten seine Worte, die einen Moment lang reglos zwischen ihnen in der Luft zu stehen schienen, kaum sein können, und als sie nur Sekunden später endlich tief in ihr Bewusstsein vorgedrungen waren, bestand für die Feuerstochter nicht mehr der geringste Zweifel: Dieser Fremde wusste um sie Bescheid. Und auch wenn er ihr nicht von allein und noch viel weniger geradeheraus verraten hatte, in welcher Absicht er an diesem Ort verweilte, reichte ihr seine Antwort voll und ganz, um ihre Vermutung zu bestätigen. Zumal womöglich jeder andere sie spätestens jetzt angegriffen hätte oder geflohen wäre. Also ließ sie die Hand sinken, dabei den Feuerball geräuschlos verpuffen, und entspannte sich, woraufhin ihr der Fremde mit einem kurzen Lächeln zunickte. In der gleichen Bewegung holte einen alten Leinensack hervor, der bis gerade eben noch hinter ihm verborgen am Boden gelegen hatte.

 

»Mein Name ist Vesten«, sagte er und warf ihr, ohne auch nur einen einzigen Schritt näher zu kommen, mit einer geschmeidigen Bewegung den Sack vor die Füße. »Hier, Eure Kleider. Macht rasch, eine erkältete Feuerstochter können wir nicht gebrauchen.«

 

Sie zog ein ratloses Gesicht und bedachte ihr Gegenüber mit einem nicht weniger fragenden Blick, kommentierte sein Gesagtes jedoch nicht weiter. Stattdessen glitt sie in die Hocke, öffnete den Sack und zerrte ihre getreue, steingraue Lederkleidung hervor, die jedes Mal aufs Neue die alten Erinnerungen an ihre vergangenen Leben weckte, noch dazu dank eines magischen Überzugs jeder ihrer Reinkarnationen wie eine zweite Haut passte und sämtlichen Formen ihres Feuers seit jeher Stand zu halten vermochte.

 

»Mein Name ist Alaru«, sagte sie, während sie flink in die knappe Hose, das feste, enge Oberteil und die kniehohen Stiefel schlüpfte, und warf Vesten zwischendrin einen brummigen Blick zu. »Warum habt Ihr nicht gleich gesagt, dass Ihr ein Wächter seid? Ohne die traditionelle Robe seid Ihr beim besten Willen nicht als solcher zu erkennen, was mir in Anbetracht der Situation schon fast ein wenig zu mutig erscheint. Mal abgesehen davon, ist gerade jetzt alles andere als die rechte Zeit für irgendwelche Spielchen, wenn Ihr mich fragt.«

 

»Ach, naja ... Das ist wohl so eine Art Macke von mir«, antwortete er lachend und mit einem kurzen Schulterzucken, wurde jedoch sogleich wieder ernst. »Aber wo Ihr gerade von Zeit sprecht, diese ist heuer ziemlich knapp bemessen. Wie ich bereits sagte: Ihr seid spät. Sehr spät sogar.«

 

Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung, löste gleichzeitig ein Schwert samt Scheide von seinem Gürtel und drückte es Alaru rasch in die Hände, kaum dass er bei ihr angelangt war, weshalb sie ihm einen einigermaßen verwunderten, flüchtigen Blick zuwarf. Ganz augenscheinlich hatte er die Klinge gar nicht schnell genug loswerden können, was ihr im Gegenzug jedoch gerade recht kam, denn immerhin waren sie und ihre Waffe wahrlich lange genug voneinander getrennt gewesen. Und so brachte sie ohne noch länger zu zögern ihr treues, jahrtausendealtes Schmiedekunststück ans dämmerige Abendlicht, musterte mit vor Freude glänzenden Augen den schwarzrot schimmernden Griff, welcher von einem silberfarbenen Knauf und einer gleichfarbigen Parierstange flankiert wurde, und betrachtete liebevoll seine einer sanften Flamme gleich geschwungene Klinge. So lange, bis ihr Blick schließlich auf den in dem blank polierten Stahl der Schneide ruhenden Runen haften blieb, die sofort in einem wilden, rotorangenen Glühen erstrahlten, als sich ihre Hand fest um den Griff schloss. Es war abermals so unsagbar viele Jahre her, und dennoch erkannte es sie jedes Mal wieder, vergaß niemals, wer sie war. Genauso wenig, wie es jemals vergaß, wer es selbst war: Occludo, das brennende Siegelschwert, Ergebener und Gefährte der Feuerstochter. Jenes Schwert, welches nur in ihren Händen seine Bestimmung zu erfüllen vermochte.

 

»Wie spät bin ich genau?«, fragte sie, während sie nur mit Mühe ihre Augen von der glimmenden Klinge löste und sie zurück in ihre Halterung gleiten ließ, um diese sicher an ihrem eigenen Gürtel zu befestigen. Noch war Occludos Zeit nicht gekommen.

 

»Sieben Tage«, antwortete Vesten geradeheraus.

 

»WAS?« Alaru erstarrte und spürte, wie sich eine Welle kalten Schreckens durch ihren Körper ergoss, welche sie innerlich erzittern ließ.

 

Sieben Tage!

 

Spät war noch milde ausgedrückt, denn die Sonnen waren schon fast untergegangen! Dabei erwachte sie doch normalerweise sieben Tage vor dem Siegelbruch zu neuem Sein, und gewiss nicht erst irgendwann am Abend des letzten Tages, wenn kaum noch Zeit genug übrig bleib, um rechtzeitig vor Sonnenuntergang das Siegel zu erneuern und das Urböse Nodrogg für weitere einhundert Jahre in seinem gläsernen Gefängnis zu bannen. Aber jetzt ... Wenn heute tatsächlich der siebte Tag war, würde das Siegel mit dem Erlöschen des Tageslichts endgültig brechen, und dann ...

 

Die Feuerstochter hatte keine Gelegenheit mehr, ihre Gedanken, welche sie im Grunde genommen kaum zu denken wagte, zu Ende zu bringen, denn in diesem Moment verschwand die letzte der drei Sonnen lautlos am Horizont und die Nacht brach herein. Noch in derselben Sekunde begann das Spiegelgebirge hinter ihr und dem Bogenschützen unter einem dumpfen, alles durchdringenden Dröhnen von innen heraus zu beben, ließ die Erde unter ihren Füßen mit aller Macht vibrieren, und von jetzt auf gleich schloss ein tiefes, beinahe ohrenbetäubendes, die gesamte Luft um sie herum erfüllendes Grollen die beiden in seine gnadenlos zupackenden Pranken.

 

»Alaru!«, rief Vesten, griff sich an den Hals, machte eine ruckartige Bewegung und ließ eine kleine, gläserne Ampulle unter seinem Hemd hervorschnellen, die nun mitsamt der Kette, die er eben noch getragen hatte, in seiner Hand baumelte, wobei die im Herzen des Anhängers befindliche, lavaähnliche Flüssigkeit unruhig hin und her schwappte. »Fangt!«

 

Dann warf er ihr die Ampulle zu. Noch im Flug löste sich die Kette von dem Anhänger und prallte zwischen ihnen klirrend auf dem spiegelglatten Boden auf, während sich in dem schwarzen Fels die ersten tiefen Risse bildeten und rasch an Zahl gewannen. Derweil segelte der Anhänger einem winzigen Kometen gleich durch die immer dunkler werdende, tosende Abendluft direkt auf Alaru zu. Ihn fangen. Sie musste ihn einfach nur fangen, und alles wäre gut.

 

Wie ferngesteuert machte sie einen Satz nach vorne und ließ ihre Hand dem Fläschchen entgegenschnellen, so weit es eben möglich war. Sie hatte sie fast, ließ sich schon beinahe von ihren Sinnen vorgaukeln, wie sie den kochend-rauchigen Geschmack der warmen Flüssigkeit auf ihrer Zunge schmeckte. Wie sie streichelnd zart durch ihren Hals hinabglitt und in ihrer Mitte die ihr innewohnende Kraft einer gewaltigen Explosion gleich freigesetzt wurde, damit sie diese gänzlich in sich aufsaugen konnte. Doch zuerst musste sie diese Ampulle in die Finger bekommen, sie bloß festhalten, bloß ... Just in diesem Moment erschütterte ein heftiger Stoß die Erde, ließ die Felsen um sie herum unter tosendem Donnern erschauern, riss Alaru und Vesten gleichermaßen unsanft von den Füßen und schleuderte sie in entgegengesetzte Richtungen davon. Unterdessen schlug der Anhänger von des Bogenschützens Kette einem einsamen, nicht mehr zu rettenden Funken ähnelnd auf dem berstenden Felsboden auf, zerschellte in kleine, gläserne Splitter und verlor seinen Inhalt an den kalten, glatten Boden unter ihm. Im selben Augenblick rollte die Feuerstochter sich auf den Bauch und versuchte, die Flüssigkeit zu erreichen, welche sich ihrerseits bereits zu einem dünnen Rinnsal formte und auf sie zu eilte. Sie brauchte nur einen winzigen Schluck von jenem Elixier, jenem Trank, welcher aus der Quelle der brennenden Nemesis stammte, dem Hort der wahren Macht der Feuerstochter. Ein einziger Tropfen, ein feiner Hauch, mehr würde nicht nötig sein. Sie mussten einander doch schlichtweg nur noch erreichen!

 

Noch während sie verzweifelt mit ihrem eigenen Körper rang, um sich selbst auf die Beine zu bringen und endlich an das flüssige Feuer zu gelangen, nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, wie Vesten sich längst aufgekämpft hatte und zu einem Sprint in ihre Richtung ansetzte. Allerdings kamen sie beide in ihren Vorhaben nicht sonderlich weit, denn plötzlich zerbarst das gesamte Spiegelgebirge unter einem lautstarken Knall in Milliarden und Abermilliarden sandfeiner Splitter. Die darauffolgende Druckwelle riss nur Sekundenbruchteile danach den Bogenschützen erneut von den Füßen und drückte Alaru mit aller Macht zu Boden, dabei sämtliche Luft aus ihren Lungen pressend, woraufhin ein heftiger Schwindel von ihr Besitz ergriff. Trotz dessen versuchte sie, keuchend und mit jeglicher ihr noch zur Verfügung stehenden Kraft wieder hochzukommen, aber es war vergebens. Das Einzige, was sie fertig brachte, war, die inzwischen schwer wie Blei erscheinenden Lider zu heben.

 

Durch den dichten Splitterregen sah sie mit langsam verschwimmendem Blick, wie das Elixier auf seinem Weg zu ihr abrupt stoppte und beinahe zeitgleich unter Tonnen von schwarzem Staub unwiederbringlich vergraben wurde. Sie sah auch, wie Vesten sich abermals hochstemmte, sah eine Armada von Draque aus den inzwischen zu klaffenden Felsspalten gewordenen Rissen am Boden aufsteigen und, angestachelt von des Nodroggs finsteren Energien, zum Angriff auf ihn übergehen. Ebenso registrierte sie, wie Vesten den Bogen zückte und die ersten der roten Jäger mit flinken Schüssen vom Himmel holte. Somit wusste sie es nun doch: Er war verdammt schnell. Und mindestens genauso zielsicher.

 

Schwer atmend und noch immer von einem magenumdrehenden Schwindel gepeinigt, setzte Alaru zu einem neuerlichen Versuch an, sich hochzudrücken, und dieses Mal gelang es ihr tatsächlich. Noch im Aufstehen glitt ihre Hand in Richtung Occludo, wobei sie alles daran setzte, sämtliche ihrer Gedanken statt auf das schwammige, sich fiepend in ihren Ohren festsetzende Hämmern unter ihrer Schädeldecke, auf Kampf und Vernichtung zu konzentrieren, als plötzlich etwas ihren Knöchel packte, sie unter einem kräftigen Ruck nach hinten weg zog und jäh von den Füßen holte. Erst ihr Kopf bremste ihren Sturz mit einem deftigen Schlag auf den steinharten Untergrund und sorgte dafür, dass sich um sie herum alles nur noch wilder drehte, während sie das nun aus einer langen, auf ihrer Stirn klaffenden Platzwunde über ihr Gesicht sickernde Blut überhaupt nicht bemerkte. Unterdessen riss das klebrige, an ihr hängende Etwas sie erbarmungslos weiter mit sich und strafte ihre folgenden kläglichen Versuche, sich an diversen aufgebrochenen Felskanten festzuklammern und ihm durch mehr ziellose denn hilfreiche Fußtritte zu entkommen, mit dem Stempel der Lächerlichkeit.

 

»VESTEN!«

 

Der Name des Bogenschützen beschrieb ihr sich in Gestalt eines panischen Schreis aus der Kehle lösendes letztes Wort, ehe sie in den Tiefen einer der nächstbesten Felsspalten verschwand.

 

 

 

II

 

 

 

Die schroffen Wände der scheinbar bis ins Unendliche hinabklaffenden Schlucht rasten mit einer solchen Geschwindigkeit an der Feuerstochter vorbei, dass sie diese kaum noch zu erkennen vermochte. Das hinderte sie jedoch keineswegs an ihren nicht endenden, verzweifelten Bemühungen, irgendeinen der zahllosen, weit aus dem tiefgrauen Fels hervorstehenden Gesteinsbrocken zu erwischen, um sich daran festzukrallen, so ihren Sturz aufzuhalten und dabei vielleicht sogar dem dunklen Schatten unter ihr schneller zu entrinnen, als dieser glauben würde. Allerdings blieben tiefe Schnitte in Armen und Händen, die sie den an ihr vorüber rasenden messerscharfen Felsen zu verdanken hatte, und das aus jenen Wunden kriechende, auf ihrer weißgoldenen Haut bizarre Muster zeichnende Blut das einzig vorweisbare Ergebnis. Indes nahm Alaru weder den mittlerweile bis in jede noch so kleine Faser ihres Körpers pochenden Schmerz noch das immer größer werdende, feine und dunkelrote, sie langsam einspinnende Netz ihres eigenen Lebenssaftes wahr, vermochte sie sich doch gerade jetzt mit solchen Kleinigkeiten beim besten Willen nicht zu beschäftigen. Stattdessen wandte sie ihre sämtliche Aufmerksamkeit dem finsteren Etwas zu, welches nach wie vor ihren Knöchel fest umschlossen hielt und sie gnadenlos mit sich gen Boden zerrte, besann sich auf das bisschen Macht, welches ihr noch geblieben war, sowie auf die Hoffnung, dass diese ausreichen möge, und nahm das Wesen mit allem Feuer, das ihr zur Verfügung stand, unter Beschuss. Natürlich hatte sie längst erkannt, längst gespürt, was es mit dem Klumpen reinster Düsternis auf sich hatte, welcher nicht von ihr lassen wollte und der sich seine klebrigen, hartnäckig an ihrem Bein hinaufschiebenden, teerigen Finger an ihrem auf es zu sickernden, kochenden Blut versengte: Es war das Urböse höchstselbst.

 

Nodrogg.

 

Wie ein nachtschwarzer, Fleisch gewordener und zeitgleich dennoch nicht fassbarer, alles Licht zu verschlingen drohender Schatten von Hass, Gier und Tod hing es an ihr. Behielt sie unentrinnbar in seinem Griff, umschlang ihren Körper immer mehr, widersetzte sich mit sekündlich wachsender Leichtigkeit ihrem auf es herniederprasselnden Flammenregen und schien unaufhörlich zu lachen. Leise. Beinahe schon siegessicher. Zweifellos spürte es genau, wie die Feuerstocher mit jeder ihrer Attacken, jedem ihrer lodernden Geschosse, die sie ihm entgegen jagte, bloß immer schwächer wurde, was sicher nicht verwunderlich war, registrierte sie ihrerseits jene Tatsache doch noch um einiges deutlicher. Sie musste irgendetwas tun, musste es so schnell als möglich loswerden, musste weit weg von ihm. Um nichts in den Welten durfte sie ihm endgültig in die Fänge geraten, denn andernfalls wäre alles verloren und sämtliche Jahrtausende eines Daseins, nach welchem sie niemals verlangt hatte, umsonst gewesen. Jedwedes rechtschaffene Leben und alles Gute wären ein für alle Mal dahin, und das Einzige, was zurück bliebe, wäre nurmehr Finsternis und Leid.

 

Das konnte sie nicht zulassen.

 

Niemals!

 

Alaru schüttelte sich innerlich, biss die Zähne zusammen und bündelte abermals ihre bereits ob der Einflüsse des Urbösen in alle erdenklichen Richtungen abdriftende Konzentration. Wandte sämtliche ihrer Gedanken auf nichts anderes, als auf dessen Vernichtung. Wünschte sich ein letztes Mal, diesen vermaledeiten Anhänger des Bogenschützen gefangen zu haben und ...

 

Just in diesem Augenblick verpufften sämtliche Dinge, die ihr soeben noch durch den Kopf geschossen waren, mit einem dumpfen Aufschlag am Boden der Felsspalte. Und noch während sie voller Erstaunen realisierte, dass das abrupte Ende ihres Sturzes sie nicht etwa in ihre Einzelteile zerschmettert hatte, sondern sie noch immer in einem Stück vorhanden war, glitt etwas großes Weiches langsam unter ihr hervor und ließ sie erstaunlich behutsam zu Boden sinken. Sofort rappelte sie sich soweit es ihre geschundenen Glieder zuließen auf, verharrte schließlich halb liegend, halb sitzend, wo sie war und versuchte angestrengt, das sich einer dicken, feuchtwarmen Masse gleich hinter ihrer Stirn ausbreitende Gefühl nahender Bewusstlosigkeit fortzudrängen, welches träge von ihren Sinnen Besitz zu ergreifen und die Welt um sie herum hinter einem grauen Nebelschleier zu verbergen drohte. Als sie jedoch zu ihrer eigenen Überraschung wieder Herrin ihrer Selbst und ihr Blick tatsächlich langsam wieder schärfer wurde, wünschte sie sich für die Dauer eines halben Atemzugs nichts sehnlicher, als dem verlockenden Drängen der nur scheinbar erlösenden Dunkelheit geistiger Umnachtung doch besser nachgegeben zu haben. Denn in eben jenem Moment bäumte sich kaum einen Meter von ihr entfernt das Nodrogg auf und präsentierte ihr sein finsteres Antlitz in all seiner zweifelhaften Pracht.

 

Etwa drei Meter ragte das formlose, aus nichts weiter denn einer zähen, wabernden und mehr als nachtschwarzen Substanz reinster Bosheit bestehende Wesen vor ihr in die Düsternis der Felsspalte hinauf und schien dabei jeden noch so zarten Funken des flammenden Glühens der goldenen Ornamente auf ihrer Haut mühelos zu verschlucken. Gleichzeitig fühlte die Feuerstochter, wie sich sein Blick aus den nicht sichtbaren Augen tief in sie hinein bohrte, sich in ihr festsetzte. Sich auch in die kleinsten Winkel ihres Körpers zwängte und ihr neuerlich die Luft zum Atmen raubte, gerade so, als wolle es sie von innen heraus voller Genuss erdrücken. Sie wusste, dass ein schlichter Gedanke ihres Widersachers genügen würde, um genau das zur Vollendung zu bringen, und mit diesem Wissen kam die Panik wie ein Peitschenschlag über sie. Keuchend warf sie sich hin und her, rang nach dem Atem, welchen die wallende Masse vollkommener Niedertracht ihr durch ihre bloße Betrachtung streitig machte. Versuchte mit aller Macht, auf die Beine zu kommen, und sich deren beißendem Starren zu entziehen, aber es war und blieb sinnlos. Das Urböse wiederum hatte offenbar auf genau eine solche Gelegenheit gewartet, denn im selben Augenblick, in dem Alaru ihre Niederlage zu begreifen begann, stürzte es sich einem ausgemergelten Wolf gleich, und dennoch ohne das kleinste Geräusch zu verursachen, auf sie, glitt blitzschnell über ihren Körper, welcher mit einem Mal Tonnen zu wiegen schien, und hüllte sie in totale Finsternis. Nur den Bruchteil eines Wimpernschlags später grub es sich bereits tief hinab in all ihr Denken, all ihr Sein, nagte sich wie im Wahn durch ihre Nervenbahnen. Wühlte sich rasenden, spitzen Nadeln gleich durch ihr Innerstes, und rang der Feuerstochter solch jämmerliche, schmerzerfüllte Schreie ab, dass sogar das Nodrogg selbst einen winzigen Moment lang dem Glauben erlag, allein der Klang ihrer eigenen, schrillen und bebenden Stimme sei genug, um sogar die zarteste Faser ihres sterblichen Fleisches mit einem kreischend schallenden Schlag explodieren zu lassen.

 

Gib auf.

 

Seine messerscharfen Worte bohrten sich mit der verführerisch zischenden Stimme einer lockenden Schlange durch ihr rebellierendes Hirn, wo sie wie in einer klaffenden Wunde stochernd widerhallten. Worte einer gierigen Giftnatter, die es kaum mehr abwarten konnte, ihr brennendes, aus dem schier endlosen Leid tausender und abertausender ihrem Herrn schon zum Opfer gefallener Seelen gebrautes, todbringendes Serum in Alarus Adern zu pumpen und jedweden Funken Kampfeslust ein für alle Mal voller Freude zu zerschmettern.

 

Du bist schwach, mein Feuer.

 

Tiefer und tiefer hüllte es sie in die Düsternis seines teerigen Leibes ein, umkreiste sie wie ein Geier seine Beute, umgarnte sie wie ein Liebender sein zukünftiges Weib. Dann drückte es plötzlich zu, und die Giftnatter verwandelte sich jäh in den gnadenlosen Griff eines gewaltigen Totenwürgers, der nach nichts anderem trachtete, als sie mit einem kräftigen Ruck zu Staub zu zermalmen.

 

Sollen die Schmerzen aufhören?

 

Die Feuerstochter schrie. Es schien das Einzige zu sein, zu dem sie hier und jetzt noch fähig war, und wäre sie in der Lage gewesen, doch noch einen letzten klaren Gedanken zu fassen, so hätte sie sicherlich bezweifelt, dass sie damit jemals wieder würde aufhören können.

 

Nun, mein Feuer, wisperte das Nodrogg, dessen finsteres Grinsen inzwischen nicht mehr zu überhören war, du musst nur eines tun, damit dein Leid vergeht: Gib auf. Es ist so leicht. Gib dich einfach hin. Vergiss den Kampf. Vergiss die Welt. Vergiss dein Sein. Schlafe still in meinen Armen. Lass dich fallen. Sei mein und aller Schmerz zieht fort. Mein Feuer, ich bin deine süßeste Verführung. Ich bin alles, was du dir je erträumt hast und noch erträumen wirst. Nur ich schenke dir all das, was die Ältesten dir niemals angedeihen lassen werden. Du wirst meine Königin, meine Waffe. Überlasse mir deinen Verstand, überlasse mir deine Seele. Wer braucht sie schon, mein Feuer? Sie sind bloß Ballast. Sie machen dich schwach. Aber ich bin stark für dich. Ich kümmere mich um sie. Gib dich nur hin, mein Feuer. Gib einfach auf! GIB auf! GIB AUF!

 

»NIEMALS!«

 

Sie schrie so laut sie konnte. Die goldenen Ornamente auf ihrer Haut wurden heiß, heißer noch als jeder Lavaquell. Sie pulsierten, erst langsam, dann stärker und stärker, und mit einem Mal schoss ein Feuerstrahl aus ihnen hervor, fegte das Urböse mit einem lapidaren Handstreich von ihr fort und befreite ihren Geist. Das Letzte, was sie daraufhin noch hörte, war das schmierige Platschen, als ihr Widersacher gegen die Felswand geschleudert wurde. Und sein folgendes düsteres Kichern, während es dort an der Wand klebend zusah, wie eine lähmende Ohnmacht die Sinne der Feuerstochter mit sich nahm und sie in eine gnädig stumme Dunkelheit geleitete.

 

 

 

III

 

 

 

Von einer Sekunde auf die andere war die noch junge Nacht erfüllt von mehr als einhundert Draque, die allesamt in den Höhlen unter dem Spiegelgebirge ihre Nester gehabt haben mussten und aufgescheucht von dem der Explosion des Gebirges vorangegangenen Erdbeben aus den mittlerweile überall verteilten, nach wie vor zahlreicher werdenden, weit aufgeplatzten Felsspalten geströmt waren. Und kaum dass die roten Jäger an die Oberfläche gelangt und hoch in die Lüfte aufgestiegen waren, nahmen zwei von ihnen, zu kopfloser Raserei angetrieben durch des Urbösen deutlich spürbare Anwesenheit, das erste Ziel ins Visier, welches ihnen vor die je sechs Augen kam: Vesten. Selbiger hatte seinerseits jedoch längst den Bogen gezückt und holte die schuppigen Raubtiere vom Himmel, noch bevor sie überhaupt selbst richtig verstanden, wer oder was ihre Beute eigentlich werden sollte. Taumelnd und kreischend trudelten sie gen Boden, prallten krachend auf dem immer mehr im sandigen Splitterregen des nicht mehr existenten Gebirges verschwindenden, steinernen Boden auf, und taten an Ort und Stelle ihren letzten Atemzug. Das plötzliche Dahinscheiden der beiden Jäger blieb allerdings von drei weiteren ihrer Artgenossen nicht unbemerkt, sodass die aufmerksam Gewordenen augenblicklich kehrt machten; zweifellos in der Absicht, entweder blutige Rache zu üben oder schlichtweg ihre beinahe dauerhaft hungrigen Mägen zu füllen. Allerdings war auch der Bogenschütze auf der Hut und schickte blitzschnell seine Pfeile auf den Weg, die begleitet von einem feinen Pfeifen durch die immer dicker zu werden scheinende Luft schossen, mit erstaunlicher Leichtigkeit die ihnen aufgetragenen Ziele erreichten und sie binnen eines halben Herzschlags dahinrafften. So gingen auch Draque Nummer drei, vier und fünf, ob des Entsetzens über den eigenen, mehr denn überraschend über sie hereinbrechenden Tod zornig quiekend, zu Boden, als plötzlich ein lauter, verzweifelter Schrei an des Bogenschützens Ohren drang, der seinem Namen alles andere als unähnlich war. Sofort fuhr er herum, ließ seinen Blick hektisch durch das um ihn herum sein Unwesen treibende Chaos eilen und erstarrte, als er die Besitzerin jener Stimme, die gerade noch nach ihm gerufen hatte, entdeckte und selbige just in dieser Sekunde in die Tiefen eines der frischen Abgründe gerissen wurde.

 

»ALARU!«

 

Natürlich wusste Vesten nur zu gut, wie zwecklos es war, sich ihretwegen die Kehle aus dem Leib zu brüllen und damit nicht nur wertvollen Atem, sondern ebenso wertvolle Zeit zu vergeuden. Doch trotz dessen konnte er nicht umhin, ihren Namen noch zwei weitere Male in die Nacht hinaus zu schreien, während er die ihn für den Bruchteil einer Sekunde fest umklammert haltende Starre abschüttelte und drauflos hechtete. So schnell er es vermochte, bahnte er sich behände und fast schon mühelos wirkend seinen Weg über sämtliche sich ihm in den Lauf schiebenden Felsspalten hinweg, fokussierte jeden einzelnen seiner gerade noch wild durcheinander tanzenden Gedanken einzig und allein auf die Rettung der Feuerstochter und brachte die wenigen Meter, die noch zwischen ihm und dem Ort ihres abrupten Verschwindens lagen, dazu, in kochendes Wasser geworfenem Eis gleich dahin zu schmelzen. Nur Augenblicke darauf setzte er bereits zum Sprung über den scheinbar letzten, ihn von seinem Ziel trennenden Abgrund an, als er mit der vollen Wucht seines eigenen Schwungs gegen den linken Flügel eines draqueschen Nachzüglers prallte, der ausgerechnet jetzt aus eben jener Felsspalte gekrochen kommen musste. Der rote Jäger presste sogleich einen wütenden Schrei hervor, schnappte aber erfolglos in Richtung dessen, was mit einem Male in seiner Linken hing, ließ kurz und kräftig die betroffene Schwinge nach vorne zucken und schleuderte den Bogenschützen von sich. Dieser segelte einen guten Meter durch die Luft, woraufhin er sich eine deftige Annäherung mit dem Untergrund später zweimal überschlug und noch ein viel zu gut gemeintes Stück durch den schwarzen Staub weiter rutschte, ehe er schließlich durch einen hinter ihm in die Höhe ragenden Gesteinsbrocken reichlich unsanft gestoppt wurde. Keuchend nach Atem und Orientierung ringend verharrte er, wo er war, registrierte nur am Rande das auf ihn zustürzende Raubtier, zwang sich endlich taumelnd auf die Füße und schaffte es im wahrsten Sinne des Wortes nur um Haaresbreite, den gierigen Reißzähnen seines Angreifers zu entgehen - der trotz nicht vorhandener Beine und der Tatsache, dass er sich lediglich mit Hilfe der drei langen, fingerartigen und krallenbewehrten Auswüchse mittig jedes Flügelknochens fortbewegen konnte, verflucht schnell war.

 

Abermals kullerte er über den Boden, wo er einige neuerliche, unfreiwillige Überschläge später mit einem dumpfen Knall rücklings in einer flachen Düne landete, die sich an dieser Stelle in dem schweren, schwarzen Gebirgsstaub eingenistet hatte und seinen hastigen Versuch, sich wieder aufzurappeln, noch im Keim erstickte. Ob er es nun wahrhaben wollte oder nicht, dieses Mal war die Zeit schlichtweg gegen ihn, denn noch bevor er wiederum oben und unten sortiert hatte, war der Draque über ihm, riss das Maul auf und trieb den seiner Art so typischen, kratzenden Schrei begleitet vom fauligen Gestank seines dampfenden Atems dem unter ihm Liegenden mitten ins Gesicht. Der darauffolgenden Übelkeit gelang es unterdessen nur für den Hauch eines Augenblicks, von Vesten Besitz zu ergreifen, hatte dieser doch längst alle Hände voll damit zu tun, den ihn immer tiefer in den weichen Boden drückenden Jäger abzuwehren, der jetzt alles daran setzte, den Kopf dieser widerspenstigen Beute zwischen seine bei jedem missglückten Biss schallend aufeinander krachenden Kiefer zu bekommen.

 

Der Bogenschütze stemmte sich mit sämtlicher ihm noch verbliebenen Kraft gegen den von scharfkantigen, festen Schuppen geschützten Bauch des Roten und gab sich gleichzeitig dem Versuch hin, ihm einige derbe Tritte in den Leib zu verpassen, musste jedoch zu seinem Leidwesen feststellen, dass er damit keineswegs die gewünschte Wirkung erzielte. Ganz im Gegenteil schien er so den Draque nur noch mehr anzustacheln, und als wäre seine Lage nicht ohnehin bereits schwierig genug, überdeckte der pausenlos von dessen langen Reißzähnen auf ihn herabsickernde Speichel mittlerweile einem klebrigen, dunkelgelb gefärbten Tuch gleich des Bogenschützen Gesicht; ein dem Fresshunger des Monstrums geschuldeter Nebeneffekt, der langsam aber sicher begann, ihm nachhaltig die Sicht zu nehmen. Er musste etwas tun. Etwas, das dafür sorgte, dass er nicht innerhalb der nächsten Minuten auf Nimmerwiedersehen im Magen dieses vermaledeiten Ungeheuers verschwinden würde. Binnen Sekundenbruchteilen jagten ihm hunderte Möglichkeiten durch den Kopf, doch jede Idee war genauso wenig hilfreich wie das geifernde, gierige Biest, gegen dessen Attacken er kaum mehr anzukommen vermochte. Bis ihm wie aus dem Nichts die möglicherweise rettende Szenerie klar vor Augen stand.

 

Ja, das war es!

 

Wenn es ihm irgendwie gelang, an einen der nach wie vor im Köcher auf seinem Rücken ruhenden Pfeile heranzukommen und diesen dem schuppigen Jäger mitten in die wutverzerrte Fratze zu stoßen, würde der darauf unweigerlich folgende Schmerz mit etwas Glück dafür sorgen, dass dem Vieh wenigstens für einen kurzen Augenblick der Appetit verging. Und genau das - so er denn schnell genug zu Werke ging - konnte ausreichen, um endlich auf die Füße zu kommen und dem ganzen Theater mittels eines flinken, gezielten Schusses ein dauerhaftes Ende zu setzen. Allerdings lag es auf der Hand, dass er nurmehr genug Energie für einen einzigen Versuch würde aufbringen können, was ihm nicht zum ersten Mal bewusst machte, wie nah Leben und Tod doch beieinander lagen. Wie auch immer, die Chance lag offen vor ihm. Er musste sie bloß ergreifen. Mit diesem Gedanken löste er ruckartig den linken Arm von der bebenden Brust des Draque, ließ ihn nach oben schnellen und ... Das jene rasche Bewegung untermalende metallische Aufblitzen über seinem Handgelenk ließ ihn erst zögern, dann zweifeln, dann sich erinnern.

 

Verdammt!, schoss es ihm durch den Kopf. Warum erst jetzt, du verfluchter Narr!

 

Es brauchte nicht einmal den Moment eines halben Wimpernschlags, um den Bogenschützen seinen zuvor gefassten Plan verwerfen zu lassen. Anstatt sein letztes Quäntchen Energie für das eher verzweifelte Vorhaben des Ergatterns eines Pfeiles zu vergeuden, entlud er alles, was noch in ihm steckte, in einem letzten, heftigen Tritt gegen den Draque, der beinahe zeitgleich laut aufjaulte, erschrocken zurück wich und sein Opfer mit überraschtem Blick aus den kleinen, giftgrünen Augen anstarrte. Vesten, der keinen Gedanken auf die Tatsache verwendete, dass er offensichtlich endlich eine empfindliche Stelle getroffen hatte, langte derweil ohne zu zögern nach dem stahlfarbenen Armreif, welcher sein linkes Handgelenk zierte, drückte auf eine der drei in dem Metall eingelassenen, winzigen Tasten und registrierte breit grinsend die daraufhin aufleuchtenden, nicht minder kleinen blauen und grünen Lichter.

 

»Rheyva!«, brüllte er in einer Lautstärke, die ausgereicht hätte, um gegen einen gewaltigen Sturm anzukommen. »Hol mich hier raus, Mann!«

 

Kaum einige Sekunden später wechselte das durchgehende Glühen der Lämpchen zu einem rhythmischen Blinken. Ein hohes, sich dem Pulsieren der kleinen Lichter anpassendes Piepsen gesellte sich hinzu, welches sich trotz des Getöses um ihn herum in sein Trommelfell schnitt. Sein Puls raste schneller und schneller. Der Draque bäumte sich auf, setzte zum Sprung an. Der Bogenschütze riss reflexartig die Arme vor das Gesicht, als das Raubtier sich auf ihn stürzte, ihn unter sich begrub und anstatt ihm den Kopf abzubeißen, die Krallen in seiner rechten Schulter versenkte. Die Lichter rasten. Vesten schrie auf vor Schmerz. Das Piepsen verschmolz zu einem einzigen, hohen Pfeifen. Der Draque kreischte vor lauter Raserei. Ein elektrisches Knistern brachte die Luft um sie herum zum Flimmern, es folgte ein kurzes, dumpfes Donnern, und noch bevor es ganz verklungen war, hatten sich beide Kontrahenten in Luft aufgelöst.

 

 

 

IV

 

 

 

Auf der anderen Seite Orcumorras, und somit hunderte Kilometer von den Ereignissen am Spiegelgebirge entfernt, hockte ein hochkonzentriert auf einem Stück dickem Draht kauender, schlaksiger, aber dennoch alles andere als schwächlich wirkender Mann an seinem morschen Holztisch. Letzterer nahm den Großteil der eigentlich recht geräumigen Wohnstube ein, in der er stand, war jedoch trotz seiner enormen Ausmaße unter dem Durcheinander aus Metallteilen, Drähten, Kabeln, Schraubendrehern in allen erdenklichen Größen und zig anderen technischen Gerätschaften und Baustücken kaum mehr zu erkennen. Nur wenig besser erging es den nahezu vollständig mit zahlreichen Regalbrettern verhangenen Zimmerwänden, die sämtlich von einem beinahe genauso üppigen wie chaotischen Potpourri ähnlicher Dinge verdeckt wurden. Ja, selbst die einzige zwei Fenster aufweisende Seite der Stube war nicht gänzlich verschont geblieben, hatte sie doch fünf große, nichts anderes als verzerrte, auf schwarzem Grund unablässig hin und her zuckende weiße Schriftzeichen zeigende Bildschirme zu tragen. An deren jeweiliger Unterseite waren etwa handbreite, flache Kabel befestigt, die allesamt durch einen schmalen, knapp über dem Fußboden in die hölzerne Wand geschlagenen Schacht ins Freie verschwanden. Draußen angekommen schlängelten sie sich auf kürzestem Wege durch einen breiten Grasstreifen, um schließlich nach knapp zwei Metern in einer komplizierten Anlage zu münden, die mittels eines im direkt neben ihr verlaufenden Fluss platzierten, Elektrizität produzierenden Wasserrades angetrieben wurde.

 

»Au!«, durchschnitt plötzlich die ansonsten so angenehm beruhigend wirkende Stimme des sich selbst stets als Technomagier bezeichnenden Mannes fluchend die zuvor nur vom leisen Rauschen der Bildschirme untermalte Stille des Raumes, während er den Schraubendreher, mit dem er eben noch hantiert hatte, jäh in die kleine, frei geschobene Fläche alten Holzes vor sich rammte. »AU! Verflucht noch eins!«

 

Gleichzeitig widerstand er nur schwerlich dem Impuls, mit der Faust auf die seinen linken Unterarm einnehmende Apparatur einzuschlagen, aus welcher gerade elektrische Entladungen in Form kleiner, bläulich-weißer Blitze hervor schossen und gnadenlos seinen Arm traktierten. Lieber biss er die Zähne zusammen, langte hastig mit der Rechten nach einer schmalen Zange und beförderte, sich dabei selbst nachdrücklich zur Vorsicht mahnend, einen winzigen, silbrig schimmernden Draht hervor, woraufhin die nadelscharfen, mehr denn reichlich schmerzhaften Stromschläge begleitet von einem erleichterten Seufzer seinerseits augenblicklich stoppten.

 

»Heureka«, stieß er leise hervor, sich schon das nächste Werkzeug - eine Art improvisiertes Lötgerät - schnappend.

 

Nur wenige Handgriffe später ließ er sich abermals seufzend - und mit inzwischen wieder entspanntem Blick - rücklings gegen die Lehne seines knarrenden, aus dicken Ästen zusammengezimmerten Stuhls sinken und strich sich einige vorwitzige Strähnen seines knapp schulterlangen, dunkelblonden Haares aus dem Gesicht. Dabei bekaute er nun sichtlich erfreut noch etwas fester seinen Draht, grinste den offen stehenden Deckel der frisch reparierten Manschette an und versetzte selbigem mit einem spitzbübischen Glitzern in den dunkelgrünen Augen einen Klaps, sodass er unter einem leisen Klicken in seine Arretierung fiel und das auf ihm befindliche Feld voller nicht einmal fingernagelgroßer Tasten wieder sichtbar wurde.

 

Die „Virga“. Ein elektrisches Gerät, mit dessen Hilfe er seine kleinen wie großen Wunder vollbrachte; wenn auch meistens mehr schlecht als recht, obwohl er das nie wirklich zugegeben hätte. Nun, jedenfalls kam der Titel des Technomagiers, den er sich schon vor langer Zeit selbst verliehen hatte, dank der Apparatur keinesfalls von Ungefähr, und mit den kleinen Justierungen, die er soeben an ihr vorgenommen hatte, sollten seine Zauber eigentlich ab sofort noch mal um ein Ganzes länger an Bestand und Wirkung aufweisen als zuvor, was ihm ein leises Kichern entlockte. Wenn er sich nur die bei Weitem noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten ausmalte, die er noch aus der Magischen herausholen konnte, so er denn nur lange und hart genug daran arbeitete, geriet er in freudige Verzückung.

 

»Ein kleiner Test«, murmelte er schließlich, spuckte den Draht irgendwo in die unendlichen Abgründe des auf dem Tisch gesammelten Wirrwarrs und fuhr sich mit der Hand über den Dreitagebart. »Das wäre doch jetzt genau das Richtige.«

 

Seine Worte waren noch nicht gänzlich verklungen, als plötzlich diverse grüne und blaue, unter dem Tastenfeld der Virga angebrachte kleine Lichter hektisch zu blinken begannen (welch ein Segen, dass er es geschafft hatte, das lästige Piepsen zu beseitigen), woraufhin ihn eine verzerrte Stimme aus dem Gerät heraus anschrie.

 

»Rheyva! Hol mich hier raus, Mann!«

 

Einen Herzschlag lang erstarrte der Angesprochene und stieß einen leisen Fluch aus, während er in Gedanken seine Magische darauf verwettete, dass am Spiegelgebirge irgendetwas verdammt schief gelaufen sein musste. Nur einen weiteren Herzschlag später rasten seine Finger wie ferngesteuert über die kleinen, metallenen Tasten auf dem Gerät an seinem Arm, wodurch sich binnen Sekundenbruchteilen der über den Tasten sitzende, schmale und dunkle Bildschirm mit einem Sammelsurium grüner Runen füllte, welche die kleinen Lichter veranlassten, immer schneller und schneller zu blinken. Unterdessen schlossen sich die an der Wand aufgehängten Monitore in Form eines statischen Rauschens und Knisterns der Reaktion der Lämpchen an. Das dezente Zucken der weißen Schriftzeichen steigerte sich zu einem wilden, nahezu hypnotisch anmutenden Tanz, welcher durch ein feines, die kleine Wohnstube erfüllendes Summen untermalt wurde, das mehr und mehr anschwoll, am Ende in einen kurzen, dröhnenden Donner gipfelte, und nur einen Wimpernschlag später materialisierte sich etwas mitten im Raum. Dann gab es plötzlich einen heftigen Knall, Rheyva wurde in eine Ecke geschleudert, der alte Tisch zerbarst in seine Einzelteile, und morsches Holz, Werkzeug, Drähte und Metall regneten durch das Zimmer. Zeitgleich fegte irgendetwas Rotes knapp über ihn hinweg, gefolgt von einem zweifellos schmerzerfüllten Schrei, der sich, vereint mit einem lautstarken Brüllen, unter die stickige Luft in der Stube mischte.

 

Der Technomagier wagte seinen Augen kaum zu trauen, nachdem er die Reste eines mitsamt seinem Inhalt von der Wand auf ihn hinabgestürzten Regals zur Seite befördert hatte und erkannte, was sich nun definitiv uneingeladen in der Wohnstube seiner Hütte tummelte: Es war ein Draque. Und irgendwo unter diesem rasenden Riesenvieh musste Vesten stecken, dessen laute Flüche nur allzu deutlich an Rheyvas Ohren drangen. So schnell seine zitternden Knie es zuließen, kämpfte sich Letzterer wieder auf die Beine, wobei abermals seine Finger hastig über die Virga glitten und sogleich neue Runen auf ihrem Bildschirm sichtbar wurden.

 

»Rigesco!«, schrie er den Zauber hinaus, der augenblicklich einen durchsichtigen, bläulichen Strahl aus der Magischen löste. Blitzschnell bildete dieser eine Energieblase um den Draque herum und legte sich anschließend einem hauchfeinen Schleier gleich dicht über ihn. Der Jäger erstarrte mitten in der Bewegung, und bis auf das Zischen feiner, elektrischer Blitze und Funken, die aus zwei zerstörten Monitoren sprühten, sowie einem leisen Stöhnen aus der Richtung, in der Rheyva den Bogenschützen vermutete, war es von einer Sekunde auf die andere in der gesamten Hütte totenstill.

 

»HAEVERFLOX!«, durchbrach der Technomagier unvermittelt die nur dem Schein nach friedliche Stille und trat einige Male so fest mit dem Fuß auf den Boden, dass die alten Holzdielen ungehalten knarrten. »Schwing deinen Hintern hier hoch, aber hurtig!«

 

Gemeinsam mit seinem letzten Wort flog bereits die Stubentür auf und prallte staubend gegen einen im Weg liegenden Haufen aus Holz und Kabeln, woraufhin ein vielleicht achtzig Zentimeter hohes, drahtiges und wüstenfuchsähnliches Wesen in aller Seelenruhe das Zimmer betrat, um nur unweit der Pforte stehen zu bleiben. Interessiert ließ es die Blicke aus seinen runden, dunkellilafarbenen Augen durch den in völligem Chaos liegenden Raum schweifen, während die beiden großen und spitz zulaufenden Ohren auf seinem Kopf unablässig in alle Richtungen horchten. Gleichzeitig erschien ein kaum merkliches, amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht, das die dort in dem mittellangen, seinen gesamten Körper bedeckenden, anthrazitfarbenen und zum Bauch hin in helles beige übergehenden Pelz befindliche und sich an Armen wie Beinen wiederholende schwarze Fellzeichnung dezent verzerrte. Haeverflox, seines Zeichens ein Hassenichgesehn (eine Bezeichnung, die man durchaus wörtlich nehmen durfte, konnte seine Art doch normalerweise bei Bedarf unsichtbar werden), klopfte sich anerkennend nickend mit der linken Hand auf die unter einem zerknitterten, hellen Hemd versteckte Brust, während er die rechte lapidar in die Tasche seiner abgetragenen, dunklen Leinenhose schob. Unterdessen schwang sein ebenfalls mit der altbekannten, schwarzen Maserung und im Gegensatz zum Rest seines Fells nochmals mit etwas buschigerem Haar versehener Schwanz, welcher in etwa so lang war sein Träger hoch, neugierig hin und her, und lugte ihm zu guter Letzt über die Schulter, ganz so, als verschaffe er sich lieber seinen eigenen Überblick.

 

»Nett«, bemerkte er schließlich mit einer ob seiner geringen Größe überraschend tiefen Stimme und tat im selben Moment einen wie beiläufig wirkenden Schritt zur Seite, als hinter ihm ein weiteres Regal endgültig genug von der Wand hatte und zu Boden krachte. »Hast aufgeräumt, wie ich sehe.«

 

»Mir ist echt nicht zum Scherzen zumute, Flox«, antwortete Rheyva ungehalten und deutete sichtlich nervös auf den Draque. »Zumindest nicht, solange das Vieh da noch in meiner Hütte steckt und ich keine Ahnung habe, wie lange der Zauber es noch lahmlegt.«

 

Haeverflox musterte den roten Jäger prüfend - dessen Schwanz just in diesem Moment kräftig zur Seite zuckte -, fuhr sich mit der Hand über seine spitze Schnauze und sah wieder zu dem Technomagier hinüber, der ganz offensichtlich nicht vorhatte, seine vermeintlich sichere Ecke zu verlassen, bevor die Luft wieder rein war.

 

»Ich dachte, du modifizierst das Ding da«, erwiderte er, zog skeptischen Blickes eine Augenbraue in die Höhe, deutete mit der Hand auf die Magische und mit seiner Schwanzspitze auf den geschuppten Räuber, dessen Flügel inzwischen dezent zu beben begannen. »Nach Verbesserung sieht das allerdings nicht aus, wenn du mich fragst.«

 

»Ich bin noch in der Testphase«, murrte Rheyva und zuckte ratlos mit dem Schultern. »Und so wie es aussieht, sind die Parameter immer noch zu ungenau. Außerdem ...«

 

»Freunde! Holt endlich dieses Ding von mir runter!«

 

Die plötzlich von irgendwo unter dem Draque dünn hervordringende Stimme Vestens sorgte dafür, dass Haeverflox ehrlich verwundert und - was äußerst selten vorkam - sogar einen winzigen Moment lang sprachlos in selbige Richtung starrte, wonach ein neuerliches, dieses Mal nicht mehr zu übersehendes Grinsen von seiner Mimik Besitz ergriff.

 

»Ich bin ja hier schon einiges gewohnt, aber das überrascht mich jetzt wirklich«, kicherte er. »Wie kommt denn unser Meisterschütze da drunter? Ich dachte, der wäre gerade auf Mission?«

 

»Flox!«, platzte es wie aus einem Munde mahnend aus Technomagier und Bogenschützen hervor, dicht gefolgt von einem quer durch das Zimmer schießenden Stuhl. Seine unfreiwillige Flugeinlage hatte das Möbelstück dem langsam wieder munter werdenden roten Jäger zu verdanken, welcher seinerseits mit einem tiefen, wütenden Grollen seine nicht unbedingt besser gewordene Laune deutlich machte.

 

»Ja, ja, schon gut. Kein Grund, maulig zu werden.«

 

Mit diesen Worten löste das Hassenichgesehn eine einfache Lederpeitsche von seinem Gürtel und näherte sich des Technomagiers ungebetenem Besucher.

 

»Heb den Zauber auf, Rhey.«

 

»Sicher?«, fragte selbiger, dabei mit einer Mischung aus Skepsis und Panik vorsichtig zu dem schnaubenden und knurrenden Raubtier hinüberäugend.

 

»Nun mach schon.«

 

Der Technomagier tat wie ihm geheißen, tippte kurz auf der Virga und sagte: »Expedire

 

Das blaue Energiefeld verschwand praktisch im gleichen Moment, und noch bevor das wieder befreite Raubtier sich aufbäumen und abermals auf den Bogenschützen stürzen konnte, ließ Haeverflox einmal die Peitsche knallen, was ihm prompt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Draque einbrachte, der ihn nunmehr aus seinen sechs düster funkelnden Augen stumm anstarrte.

 

»Komm, Roter, gehen wir ein bisschen an die frische Luft«, sagte das Hassenichgesehn völlig unbeeindruckt, drehte mit geradezu stoischer Ruhe auf dem Absatz um und stapfte durch die Tür ins Freie. Sein neuer Freund zögerte bloß einen verschwindend kurzen Augenblick, ehe er ihm willig folgte, dabei die halb offen stehende, einem Wesen seiner Größe den ohnehin schon engen Weg nach draußen noch zusätzlich erschwerende Zimmertür aus den Angeln riss, sie achtlos zur Seite und fast auf Rheyva schleuderte und sich zu guter Letzt mühsam durch die Tür zwängte, um schließlich vom Dunkel der Nacht verschluckt zu werden.