Orcumorra: Saat der finsternis - Kapitel 1: "Der Kleine Mann Redet zu Viel"

I

 

Mühselig war es gewesen und zudem außerordentlich zeitraubend. Doch was entdeckt werden will, findet schließlich auch seinen Weg zu jenem, der es aufzutreiben gedenkt, und so hatte Rheyva es drei Wochen später endlich fertig gebracht, mit den Wächtern der Wiederkehr Kontakt aufzunehmen. Sie schienen ihn bereits zu kennen, ja, es kam ihm sogar so vor, als hätten sie geradezu darauf gewartet, dass er sie endlich aufspürte. Doch ob dem tatsächlich so war, oder ob es sich bloß um einen Trugschluss handelte, daran verschwendete er keinen Gedanken. Es war ihm schlichtweg nicht wichtig, denn was er wollte, hatte er nun, und der Weg zurück nach Hause war greifbar nah. Alles, was ihn jetzt noch von seinem Ziel trennte, waren das Taxi, aus dem er gerade stieg, und die wenigen hundert Meter Fußweg bis zu ihrem Treffpunkt.

 

Rheyva bezahlte den Fahrer, schulterte seinen alten, abgewetzten Rucksack, in welchen er die wenigen Sachen gestopft hatte, die es wert waren, mit auf die Reise genommen zu werden, und sah sich ein letztes Mal um. Er konnte nicht leugnen, dass ihm vor lauter Vorfreude und Aufregung gleichermaßen das Herz bis zum Halse schlug und ihm furchtbar übel war, denn im Grunde genommen trat er einen Weg ins Ungewisse an. Acht Jahre waren inzwischen in Orcumorra vergangen, und wer konnte schon sagen, was in dieser Zeit im Lande alles vorgefallen war? Nun, immerhin war der Wächterorden in Haeverflox’ Händen gewesen, als der Technomagier das Land so jäh verlassen hatte, allzu schlimm konnten die Zustände dort also nicht sein. Eher erwartete Rheyva das genaue Gegenteil. Und dennoch wurde er den bohrenden Gedanken, der sich im hintersten Winkel seiner Denkstube eingenistet hatte, nicht los, der ihm immer wieder und wieder einzureden versuchte, dass in Orcumorra abermals etwas im Gange war, dessen Ursprung nur die Dimension der Verdammnis sein konnte.

 

Er stieß ein langes, leises Schnaufen aus in der Hoffnung, es möge seine aufgewühlte Magengrube besänftigen, letztendlich war es aber der Griff zu dem Amulett, welches an einer silbernen Kette um seinen Hals hing, was ihn seine innere Ruhe wiederfinden ließ und jegliche Sorgen verscheuchte. Der kühle Anhänger wurde warm, kaum, dass er ihn berührt hatte, und die darin zu schweben scheinende Locke der Feuerstochter erstrahlte sogleich in einem weichen, rotgoldenen Glühen, während Rheyva für einen kurzen Moment die Augen schloss und Alaru deutlich vor sich sah. Sie würde er nicht finden, sobald er zurückkehrte, das war ihm schmerzlich bewusst, denn auch wenn er nicht dabei gewesen war, so wusste er nur zu genau, dass sie tatsächlich im Kampf gestorben war, dass sie ihr Leben gegeben hatte, um das Urböse ein für alle Mal zu vernichten und die Welten zu retten. Doch hier, nah bei seinem Herzen, tief in seinem Herzen, da fühlte er sie noch immer. Und von dort würde sie auch niemals mehr verschwinden.

 

Mit einem neuerlichen Seufzen schob der Technomagier das Amulett wieder unter den hellbraunen, schlabberigen Strickpullover, den er trug, setzte sich schließlich in Bewegung und näherte sich schnellen Schrittes dem riesigen, vor ihm liegenden Einkaufszentrum. Dabei spürte er deutlich die Blicke der anderen Passanten, die zu Hauf überall herumwuselten und ihn argwöhnisch beäugten. Er grinste leise in sich hinein und wunderte sich nicht weiter. Wäre er einer von ihnen gewesen, dann hätte auch er nicht anders reagiert, denn zwischen all den fein gemachten Leutchen fiel er fraglos deutlich auf. Wo andere in Anzug und Krawatte durch die Einkaufsmeile flanierten, steckte er in einer ausgeblichenen, ehemals schwarzen Lederhose, festen, derben Schuhen, und über dem Pullover trug er einen langen Mantel aus schwerem, schwarz-braunem Cordstoff, dessen große Kapuze er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Auch die Virga, jene technische Apparatur, mit der er seine Magie auszuüben pflegte und welche unübersehbar an ihrem altvertrauten Platz um seinen linken Unterarm prangte, zog diverse verwunderte wie ratlose Blicke auf sich. Ähnlich wiederfuhr es dem sureiljanischen Halbmond, der in seinem Holster fest an Rheyvas Gürtel saß und bei jedem Schritt flüchtig unter dem Mantel hervor blitzte. Im Gegenzug entging es dem Technomagier natürlich keineswegs, dass man fast ausnahmslos einen großen Bogen um ihn machte. Sollten sie nur. Ihn störte es kein bisschen, zumal er die Dimension der Wiederkehr und all ihre ignoranten Bürger ohnehin in Kürze hinter sich lassen würde. Der Gedanke an Orcumorra und das verabredete Treffen mit den Wächtern sorgte schließlich dafür, dass er seine Schritte nochmals beschleunigte, und schon huschte er durch die gläserne Doppeltür, die fast geräuschlos vor ihm aufglitt und ihn in das Innere des Einkaufszentrums führte.

 

Im Bauch des „Konsumtempels“, wie er das Gebäude scherzhaft nannte, war es noch überfüllter als draußen auf dem Vorplatz. Aber was hatte er auch erwartet? Es war Samstagvormittag, bestes Herbstwetter, und diejenigen, welche nicht noch daheim vor dem Fernseher hockten, trieb es hierher, um sich den Werbebotschaften des Frühprogramms hinzugeben. Oder noch schnell mit der besten Freundin einen Kaffee zu trinken, bevor es ins nächstbeste Sonnenstudio ging. Oder um sich bei einem der unzähligen Bäcker ein zweites Frühstück zu gönnen. Oder was auch immer. Rheyva jedenfalls hasste es. Er hatte es schon furchtbar gefunden, als er noch Harvey Steiner gewesen war, aber jetzt erschienen ihm der Trubel, die Menschenmengen und der Lärm noch um Längen schlimmer denn damals. Unweigerlich drängte sich ihm die Frage auf, warum die Wächter ausgerechnet diesen Zeitpunkt und diesen Ort ausgewählt hatten. Warum trafen sie sich gerade dann, wenn der Großteil der Menschheit ebenfalls hier verweilte? Warum nicht später? Abends vielleicht, wenn in diesem verfluchten Gebäude kaum noch etwas los war? Der Technomagier fragte sich vergebens, und so beschloss er, keine Energie mehr auf eine sinnfreie Suche nach der richtigen Antwort zu vergeuden. Stattdessen bahnte er sich tapfer seinen Weg durch das Gewühl, wohl merkend, dass er hier, inmitten der unzähligen, geschäftig hin und her eilenden Menschenmassen, weitaus weniger Beachtung fand, als es vor dem Einkaufszentrum noch der Fall gewesen war. Eine Tatsache, die ihm irgendwie gefiel, und zudem dämmerte ihm nun doch ein möglicher Grund für die Wahl dieser Uhrzeit und dieses Ortes, denn in der Anonymität der mehr mit sich selbst denn mit irgendetwas anderem sonst beschäftigten Horden stach der Einzelne kaum ins Auge. Für den Moment war dies tatsächlich eine der besten Tarnungen, die er sich vorstellen konnte.

 

Diverse Bekleidungsgeschäfte, Schuhläden, Friseure und Bäcker später erreichte Rheyva endlich den Treffpunkt. Das kleine Café wirkte wie in die schmale Lücke zwischen einem Schreibwarenladen und einem Drogeriemarkt hinein geschossen, und verglichen mit den anderen Geschäften erschien es wahrlich winzig. Dadurch war es allerdings nicht weniger überfüllt. Wie die Heuschrecken fielen die Leute über das Lädchen her, plünderten die Auslage und nervten die Verkäuferinnen an der Theke, während die einzige Bedienung mit den Gästen an den Tischen mehr als alle Hände voll zu tun hatte. Der Technomagier reckte den Hals und spähte über die Menge hinweg, ignorierte, dass er mitten im Weg stand, wobei er von dem einen oder anderen Einkäufer mal mehr, mal weniger absichtlich angerempelt wurde, und entdeckte schließlich, was er suchte. Sofort setzte er sich in Bewegung und steuerte zielstrebig auf einen der kleinen Tische zu, an dem drei uralte Männer hockten, die scheinbar völlig geistesabwesend „Mensch ärgere dich nicht“ spielten. Dabei schaffte er es schneller als erwartet, zwischen den aufgedonnerten, menschlichen Kuchentötern, Törtchenkillern und Kaffeevernichtern hindurch zu kommen, die unablässig durcheinander brabbelten, und fand sich nur wenige Schritte später auf dem verbliebenen, freien Stuhl im Kreise der alten Herren wieder. Selbige würdigten ihn keines Blickes, obgleich er sich ohne zu zögern den unbeachtet herumliegenden Würfel schnappte und ihn über das Spielbrett rollen ließ. Er zeigte vier Augen, als er liegen blieb, und Rheyva grinste. Alles verlief nach Plan. Sofort griff er nach den roten Spielfiguren, die fein säuberlich aufgereiht in ihrem Startfeld ruhten, woraufhin sämtliche anderen der kleinen Püppchen sich abrupt in Luft auflösten. Derweil positionierte der Technomagier mit flinken Fingern seine kleinen Errungenschaften jeweils in der Mitte eines der vier Startfelder, schnappte sich abermals den Würfel, verbarg ihn in der linken Faust und drückte zu. Ein wohliger Schauer durchfuhr seinen Körper, als der Würfel binnen Sekundenbruchteilen in seiner Hand zu feinem, weißem Staub zerfiel, und mochte es auch nicht seine eigene Zauberei sein, die er gerade spürte, so war es doch trotz allem ein herrliches Gefühl, nach all den Wochen wieder von Magie durchströmt zu werden. Jede Faser seines Körpers schien vor freudiger Verzückung zu singen, während der Technomagier tat, was zu tun war, und er konnte es kaum erwarten, endlich abermals die seinigen magischen Kräfte zu nutzen, welche hier in der Wiederkehr dummerweise vollkommen nutzlos waren.

 

Rheyva mahnte sich zur Konzentration, und statt noch weiter über derlei Dinge zu sinnieren, die ihm so sehr fehlten, streute er den Würfelstaub auf das Spielbrett. Sobald die feinen Körnchen selbiges berührten, wandelten sich die vormals roten Spielfiguren in kleine, gleißend weiße Flammen. Gleichzeitig wurde der Tumult um ihn und die drei faltigen Gestalten herum fast vollständig ausgeblendet, während sie von einer milchigen, halb durchsichtigen Blase eingehüllt wurden und die Greise nun ihre wahre Erscheinung offenbarten. Sie waren allesamt kräftige Männer, befanden sich etwa in demselben Alter wie der Technomagier und trugen schlicht Jeans, Pullover und Sportschuhe. Wären die Schwerter an ihren Gürteln nicht gewesen, hätte Rheyva geglaubt, einem dummen Scherz aufgesessen zu sein, aber er durfte auch nicht vergessen, wo er sich befand und dass diese Wächter hier anders waren, als jene Orcumorras. Wie er inzwischen wusste, war jeder Wächter aus der Wiederkehr gleichzeitig auch der Magie mächtig, was in Anbetracht der Tatsache, dass es in dieser Dimension bloß knapp fünfzig von ihnen gab, recht klug erschien. Nicht zu vergessen, dass die Wege Dimensionsreisender zurück in die Heimat gewahrt bleiben mussten, was ohne die Hilfe eines hier ansässigen Magiers nunmal nicht möglich war.

 

»Schicke Tarnung«, sagte Rheyva, als er den dreien die Hand schüttelte. »War nicht einfach, euch Jungs zu finden, das könnt ihr mir glauben.«

 

»So ist das auch angedacht«, erwiderte der augenscheinlich älteste der drei lachend. »Nun, ich denke, Sie sind nicht zum langen Lamentieren hier, Rheyva. Also, schreiten wir gleich zur Tat?«

 

Der Technomagier nickte nur zur Antwort, woraufhin sie sich sogleich von ihren Plätzen erhoben und das Café verließen. Dabei staunte er nicht schlecht, glitten sie doch dank der sie umgebenden Membran Geistern gleich mitten durch die Menschenmenge, ohne dass auch nur ein Einziger von ihnen Notiz nahm. So durchquerten sie binnen kürzester Zeit schweigend die Einkaufsmeile, bis sie auf der anderen Seite des riesigen Gebäudes ein Blumengeschäft erreichten, sofort hinein huschten und schließlich im hinteren Teil des Ladens zwischen haufenweise lagernden Schnittblumen, Säcken mit Erde, Kisten voller Dekoration und noch jeder Menge anderen, undefinierbaren Materialien, Halt machten.

 

Mit hochgezogener Augenbraue musterte Rheyva das Durcheinander in dem fast zum Bersten gefüllten Lager und wunderte sich. Doch der große Blonde, wie er den ältesten der Wächter still für sich nannte, kam ihm zuvor, noch ehe er fragen konnte.

 

»Hier bündelt sich ein Quell reiner Magie«, erklärte dieser. »Somit einer der wenigen Plätze in dieser Welt, an dem sich ein Portal nach Orcumorra öffnen lässt.«

 

»Leuchtet ein«, erwiderte der Technomagier. »Dann lassen Sie sich mal nicht aufhalten, meine Herren.«

 

»Es ist nicht zu übersehen«, lachte der große Blonde, »dass Sie es wirklich eilig haben.«

 

Rheyva zuckte mit den Schultern. »Ach naja, was soll ich sagen ...« Er blickte in die Runde, schob die Hände in die Hosentaschen und grinste. »Ja, eilig umschreibt es wohl am Besten.«

 

Die Männer tauschten kurze Blicke, und die drei Wächter mussten unweigerlich schmunzeln. Anschließend nickte der große Blonde seinen Kumpanen kurz zu und sie machten sich zügig ans Werk, während der Technomagier ihr Vorgehen aufmerksam beobachtete.

 

Grundlage des Rituals zur Öffnung des Portals nach Orcumorra war ein verschnörkelter, kleiner und rostiger Schlüssel, den einer der drei nun aus seiner Hosentasche hervor holte und sogleich in die Mitte des Raumes legte. Anschließend reichten sich die Wächter die Hände und begannen, leise ihre Formeln zu sprechen. Rheyva verstand kein Wort von dem, was sie sagten, war doch die Magiersprache hierzulande eine gänzlich andere als daheim, aber auch das reihte sich in die lange Liste der Dinge ein, die ihm reichlich egal blieben. Wichtig war das Ergebnis, nicht der Weg dorthin. Ersteres ließ sodann auch nicht mehr lange auf sich warten, denn schon nach wenigen Augenblicken hob sich der Schlüssel vom Fußboden, um für die Dauer eines Atemzugs regungslos zwischen den Wächtern in der Luft zu schweben und anschließend immer schneller und schneller werdend um seine eigene Achse zu rotieren. Was folgte, war ein kurzer, greller Lichtblitz, ein dezentes, ploppendes Geräusch und dort, wo vorher noch der Schlüssel schwebte, prangte nun des Technomagiers heiß ersehntes Tor in die Heimat.

 

»Wählen Sie den Ort Ihrer Ankunft gut aus, Rheyva«, sagte der große Blonde, wobei er auf das Portal deutete und ihm zuzwinkerte. »Eine Schlucht als Reiseziel wäre beispielsweise denkbar schlecht.«

 

»Oh, keine Sorge«, antwortete selbiger mit einem fröhlichen Glänzen in den Augen. »Ich weiß genau, wohin ich will.«

 

Mit einem letzten Wort des Dankes und einem neuerlichen Händeschütteln verabschiedete er sich von den Wächtern aus der Wiederkehr, schritt ohne noch eine Sekunde länger zu warten durch das blasse, regenbogenfarbene Leuchten und ließ sein altes Leben ein für alle Mal hinter sich.

 

 

 

II

 

 

 

»Er kommt, meine lieben Freunde«, sagte die kleine, in einen schwarzen, langen und mit dem blutroten Emblem der Wächter versehenen Mantel gehüllte Gestalt und blickte unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze auf die in der Halle versammelten etwa vierhundert Ordensmitglieder hinab. »Und er bringt große Macht mit sich, so wie es verkündet wurde.«

 

Ein Raunen ging durch die Menge, während er abwartete und zufrieden grinsend seine Schar betrachtete. Sie hingen an seinen Lippen, so wie immer, ließen ihren Herrn und Meister nicht aus den Augen. Seit er im Wächtertempel weilte verging kein Tag, an dem es nicht so war, und daran würde sich auch nichts mehr ändern. Erst recht nicht, wenn er bald an seiner Seite stand und seine Kräfte für ihre Sache einbrachte. Große Zeiten standen den Wächtern bevor, größere noch, als es sie in den vergangenen Jahrtausenden seit Bestehen dieses Ordens je gegeben hatte.

 

»Wie mir zu Ohren kam, wird es nicht mehr lange dauern, bis wir ihn in unserem Tempel begrüßen dürfen«, fuhr der Herr des Wächterordens fort. »Und er wird bedingungslos für unser Vorhaben einstehen. Seid euch gewiss, meine lieben Freunde, dass uns besondere Jahre bevorstehen werden, gehören er und seine Macht erst wieder zu uns.«

 

Abermals ertönte aufgeregtes Gemurmel aus dem Kreise seiner Zuhörer, was er mit Wohlwollen zur Kenntnis nahm. Sie würden ihren neuen, alten Gast gebührend in Empfang nehmen, da bestand nicht der geringste Zweifel. Und er selbst würde von der Macht, die jener mit sich führte, weitaus mehr profitieren, als seine kleinen Schafe es sich zu träumen wagten. Jedoch alles zu seiner Zeit. Noch hieß es, ein Weilchen zu warten und sie weiterhin ein wenig auf die Folter zu spannen.

 

»Nun werde ich mich zurückziehen«, sagte er und verneigte sich leicht vor der Menge. »Seine Ankunft will sorgfältig vorbereitet werden. Aber das versteht sich ja von selbst, nicht wahr?«

 

Mit diesen Worten wandte er sich von seinen Wächtern ab und verschwand unter ihren ihm huldigenden Rufen in die Gemächer über der Versammlungshalle, dabei dicht gefolgt von vier Gleichgewandeten, welche sich augenblicklich aus der Menge gelöst hatten, sobald seine Rede beendet war. Ein leises Grinsen huschte über sein Gesicht und sein Innerstes frohlockte still. War denn Vorfreude nicht eine der schönsten aller Erheiterungen?

 

 

 

III

 

 

 

Wie er es auch drehte und wendete, Rheyva konnte sich nicht an einen einzigen Tag in seinem bisherigen Leben erinnern, an dem ihm so dermaßen übel gewesen war, wie jetzt. Nicht einmal Anblick und Gestank jener Kreaturen, auf welche er während der Schlacht um den Wächtertempel gestoßen war, hatten ihm so sehr den Magen herumgedreht, wie die Reise durch das Portal es getan hatte. Ohne jeden Zweifel war es ein deutlicher Unterschied, ob man nun als Seele durch die Tunnel zwischen den Dimensionen huschte, oder ob man dabei fest im eigenen Körper steckte. Als Seele war er jedenfalls um Längen im Vorteil gewesen, das stand so fest, wie er die Virga an seinem Arm trug. Nichtsdestotrotz befand er, mittlerweile lange genug gefaulenzt zu haben, denn langsam aber sicher sollte er erledigen, weshalb er hergekommen war. Mit diesem Gedanken erhob er sich von seinem Platz an der Hüttenwand, den er seit was-wusste-er-schon-wie-lange mit seinem Hintern schön warm gehalten hatte, während sich ein leiser, jammervoller Laut seiner Kehle entrang. Der Schwarm rasender Motten, die seinen Magen bis zum Bersten zu füllen schienen, vollführte einen neuerlichen, heftigen Tanz just mit dem Moment, in welchem er endlich wieder auf beiden Beinen stand, und drohte, ihn sogleich wieder in die Knie zu zwingen. Mit der Hand an die Hütte gestützt schloss der Technomagier die Augen, konzentrierte sich, atmete einige Male tief durch und schluckte den dicken Kloß hinunter, der sich seines Halses bemächtigt hatte, womit auch die Magenmotten hastig das Weite suchten. Zu seiner Erleichterung verschwand gleichzeitig der wirre Schwindel, der zusammen mit den unsäglichen Flattertieren aufgekommen war und sein Schädelinneres zu einer wilden, kreiselartigen Rundfahrt genötigt hatte.

 

Na bitte, geht doch, dachte er mit einem zufriedenen Grinsen, als er sich wieder gänzlich aufrichtete und nun das erste Mal seit seiner Ankunft die gute, alte Heimat richtig betrachtete.

 

Auf den ersten Blick hatte sich nicht viel verändert, doch als er genauer hinsah, wurde unmissverständlich deutlich, dass seit Jahren niemand mehr einen Fuß in diese Gegend gesetzt hatte. So war seine Hütte merklich von Wind und Wetter gebeutelt worden und litt unter morschen Wänden sowie blinden Fenstern, der Generator am Fluss war vollkommen verrostet und lag zur Hälfte im Wasser, während die zur Hütte führenden Kabel in ihre Einzelteile zerfallen waren. Auch Haeverflox’ Bau war nicht unbedingt im besten Zustand, wie Rheyva feststellte. Bis auf zwei vergammelte Lehnstühle, einen Haufen hereingewehten, alten Laubes und einen Erdrutsch gab es dort unten nichts weiter, und er vermutete, dass noch nicht einmal das Hassenichgesehn nach der Sache mit dem Urbösen je wieder hergekommen war. Nun, hätte der Technomagier die Wahl zwischen dem Wächtertempel und diesem Ort hier gehabt, hätte er wahrscheinlich nicht anders gehandelt. Die Gegend, in der er so viele großartige Jahre verbracht hatte, war zwar keinesfalls zu verachten, der Tempel jedoch hatte weitaus mehr zu bieten, was ihm sogleich wieder in Erinnerung rief, warum er ja eigentlich hier war.

 

Auch Rheyva selbst hatte nicht vor, an seinem alten Wohnort Wurzeln zu schlagen. Ganz im Gegenteil war es seine oberste Priorität, sich schnellstmöglich auf den Weg zu den Wächtern zu machen, wo er gedachte, eine besondere und innige alte Freundschaft wieder neu aufleben zu lassen. Haeverflox jedenfalls würde sicher Augen machen, wenn er sah, wer da plötzlich vor seinen Toren stand, und den Anblick dessen verdutzten Gesichtes sehnte sich der Technomagier schon seit Tagen herbei. Bevor er allerdings aufbrechen konnte, brauchte er noch ein paar seiner alten Sachen, weshalb er auch nicht schon von vorneherein den Wächtertempel als Ziel ausgewählt hatte. Außerdem würden ihm einige Tage der Wanderschaft sicherlich gut tun, nachdem er so lange im Mief der modernen Städte der Wiederkehr hatte ausharren müssen, und nicht zu vergessen, konnte er auf diese Weise die Vorfreude auf das Wiedersehen mit dem Hassenichgesehn voll und ganz auskosten.

 

Du trödelst schon wieder, Freundchen, schoss es ihm mit einem Mal durch den Kopf, während er dastand und Löcher in die Luft starrte. So ungern er es auch zugab, er musste seinen Gedanken Recht geben. Im sinnfreien Zeittotschlagen und nutzlosen Herumstehen war er heute zweifelsohne große Klasse, und dies, obwohl das Wetter wirklich zu wünschen übrig ließ. Dicke, graue und unablässig Nieselregen versprühende Wolken hingen tief am Himmel, scharfe Windböen pfiffen ihm um die Ohren und die feuchte Luft suchte sich mit Nachdruck einen Weg zwischen seine Kleider. Alles in allem war es heuer also ziemlich ungemütlich, und so gab sich der Technomagier endlich einen Ruck und widmete sich der Eingangstür seiner alten Hütte.

 

Die rostigen Scharniere gaben ein dünnes Quietschen von sich und das verzogene Holz knarrte ungehalten, als er sich gegen die Tür stemmte, welche sich verbissen im Rahmen festzukrallen versuchte, doch am Ende bezwang er die störrische Pforte und fand sich ruckartig mitten in seiner altvertrauten Stube wieder. Wären die zentimeterdicke, alles überziehende Staubschicht und die im ganzen Zimmer mengenweise zu findenden Spinnenweben nicht gewesen, hätte er mit Leichtigkeit geglaubt, niemals fort gewesen zu sein. Nichts, aber auch rein gar nichts hatte sich im Inneren der Hütte verändert, und während Rheyva langsam an dem großen Tisch entlang schlenderte, der noch immer über und über mit Unmengen an Krimskrams bedeckt war, blieb sein Blick an mehreren tiefen Kratzern in der gegenüberliegenden Wand hängen. Unweigerlich musste er schmunzeln, als er an den Draque zurück dachte, der damals den ganzen Raum verwüstet hatte, und gleichzeitig verspürte er einen schmerzhaften Stich im Herzen, erinnerten ihn selbige Spuren doch genauso sehr an Vesten. Der Bogenschütze war ihm lange Jahre ein guter Freund gewesen und hatte mit seinem Tod eine tiefe Lücke hinterlassen, die noch immer wehtat. Schnell wandte Rheyva sich ab, weg von den Kratzern, weg von den Erinnerungen, die an ihnen hingen, zurück ins hier und jetzt, wo er immer noch etwas zu tun hatte. So wie es schien, musste er sich heute aber auch wirklich immer und immer wieder selbst in den Allerwertesten treten.

 

Der Technomagier warf noch einen kurzen Blick an die Decke, mit dem er seinem guten Freund einen Gruß in die Endgültigkeit schickte, den dieser hoffentlich erhörte, und ging anschließend zügigen Schrittes hinüber in sein altes Schlafzimmer. Auch hier gab es außer dem allgegenwärtigen Staub und den Hinterlassenschaften wahrscheinlich schon seit Langem vertrockneter, achtbeiniger Krabbeltiere nichts Ungewöhnliches zu sehen, also ließ er sich ohne großartig zu überlegen neben dem Bett auf die Knie fallen, um anschließend unter ihm eine hölzerne Schatulle hervorzuziehen. Sogleich ließ er den Deckel aufspringen, woraufhin ihm ganze sechs mit grünen Heilkrautkugeln prall gefüllte Leinenbeutel entgegen kamen. Er klaubte die Säckchen aus der Schachtel, stopfte fünf davon in seinen Rucksack und befestigte eines am Gürtel, doch in jenem Augenblick, als er sich wieder aufrichten und weiter eilen wollte, blieb er mit dem Blick an seiner ehemaligen Schlafstatt hängen. Gleichzeitig kamen die Magenmotten zurück und rangen dem Technomagier ein neuerliches, gequältes Geräusch ab, während er auf die zerwühlten Kissen starrte. War es nicht erst gestern gewesen, dass sie hier geschlafen hatte? Sie, Alaru, die Feuerstochter, die ihm noch immer Herz und Verstand raubte, sobald er auch nur den kleinsten Gedanken an sie aufwendete?

 

Wie ferngesteuert streckte er vorsichtig eine Hand aus, berührte das zerknitterte Laken und ein Schauer durchfuhr seinen Körper. Für die Dauer eines Herzschlages glaubte er tatsächlich, ihre Nähe, ihre Wärme zu spüren, und für den Moment war er sich sogar sicher, ihren zarten, immer leicht rauchigen Duft wahrzunehmen, der ihm selbst heute noch die Knie weich werden und sein Herz einen Extrahüpfer vollführen ließ, sobald er sich in seine Erinnerungen stahl. Erst jetzt merkte der Technomagier, dass er das Amulett in der Hand hielt, woraufhin ein leises Lächeln auf seinem Gesicht erschien und er einen kurzen Augenblick lang liebevollen Auges Alarus Locke in dem gläsernen Korpus des Anhängers betrachtete, welche ihm in allen Farben des Feuers entgegen strahlte sowie das Letzte darstellte, was ihm nach ihrem Tod noch von ihr geblieben war. Sanft strich er mit den Fingern über das Glas, was sein Lächeln noch ein wenig breiter werden ließ, obwohl ihm eigentlich eher das Gegenteil nahelag. Rheyva hatte nicht erwartet, dass es ihn doch so sehr treffen würde, wenn er wieder hier war und sich der alten Zeiten erinnerte, musste aber unumwunden zugeben, dass er sich in dieser Hinsicht wohl etwas vorgemacht hatte.

 

»Wo auch immer du bist, mein Herz«, murmelte er leise, dabei das leichte Zittern seiner Stimme ignorierend, »ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden.«

 

Mit diesen Worten und einem langen, schweren Schnaufen verbarg er den Anhänger wieder unter seinem Pullover, wonach das dezente Leuchten der Locke langsam verblasste, bis es schließlich gänzlich erlosch. Damit einhergehend verflüchtigten sich auch die widerwärtigen Magenmotten, und ein letztes Mal strich Rheyva noch mit der flachen Hand über das Bett, ehe er schließlich aufstand und abermals den Rucksack schulterte. Es war Zeit, den Rest zusammenzupacken, den zu holen er hier war, und außerdem konnte er es kaum mehr abwarten, dem plötzlich mehr als dringend gewordenen Bedürfnis nachzugeben, endlich aufzubrechen. Lange würde er die sich ihm hier aufdrängenden Erinnerungen jedenfalls nicht mehr ertragen, ohne dabei am Ende doch die Fassung zu verlieren, aber noch bevor er sich überhaupt in Bewegung setzen konnte, sorgten ein Poltern und der dumpfe Klang schwerer Schritte, welche sich von der Stube aus in seine Richtung bewegten, dafür, dass er abrupt innehielt und verwundert aufhorchte. Gleichzeitig konnte er sich gerade noch rechtzeitig davon abhalten, aus einem reinen Reflex heraus den Namen des Hassenichgesehns zu rufen, so wie er es in einem derartigen Fall früher normalerweise getan hatte. Haeverflox aber war sicherlich nicht hier, und wer auch immer sich mit einem Mal in der Hütte herumtrieb, würde wohl kaum ein gebetener Gast sein. Zumindest konnte Rheyva sich nicht daran erinnern, ein Empfangskomitee bestellt zu haben.

 

Wie es oftmals vorkam, wenn der Technomagier nach Antworten suchte, erhielt er diese vor allem dann mit Nachdruck und weitaus schneller als ihm lieb war, wenn es sich um schlechte Nachrichten handelte. Zu seinem Leidwesen bestätigte sich diese Regel just in dem Augenblick, in welchem er sich an die angelehnte Schlafzimmertür heran schlich, um einen kurzen Blick auf seinen Überraschungsbesuch zu erhaschen, denn kaum, dass er sie erreicht hatte, wurde sie plötzlich mit einem lauten Krachen aus den Angeln gerissen und ihm direkt entgegen geschleudert, woraufhin er mitsamt der zerstörten Tür quer durch das Zimmer flog und auf der anderen Seite des Raumes dank eines heftigen Zusammenpralls mit der Wand jäh gestoppt wurde. Unter einem gleichsam überraschten wie schmerzerfüllten Stöhnen sackte er nur einen halben Atemzug später zu Boden, wo er benommen, und zum Großteil begraben unter den Resten der zersplitterten Pforte, liegen blieb, dabei für den Moment nicht einmal fähig, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Genützt hätte es ihm allerdings ohnehin nichts mehr, packte ihn doch in derselben Sekunde jemand am Kragen und zog ihn aus den hölzernen Trümmern hervor.

 

»Ist er das?«, hörte er die dunkle Stimme knurren, deren Besitzer er nun direkt ins Gesicht starrte.

 

Was den Technomagier gerade in der Mangel hatte und ihn mit seinen vier orangefarbenen, kleinen Augen aufmerksam musterte, war niemand Geringeres als ein Grhylla-Dämon. Das gewaltige Muskelpaket, welches ob seiner enormen Größe von weit über zwei Metern noch nicht einmal aufrecht stehend in das Zimmer passte, knirschte nun mit seinen dicken, stumpfen Zähnen und verzog die wulstigen Lippen zu einer reichlich dümmlich daherkommenden und gleichermaßen nachdenklich wirkenden Grimasse, während es völlig unverblümt zurück stierte und sich zeitgleich augenscheinlich ein wenig ratlos mit der freien Hand über die acht kleinen Hörner kratzte, welche auf seinem massigen, runden Kopf thronten.

 

»Ich hab es schon mal gesagt und sag es immer wieder«, presste der Technomagier schwach hervor. »Ihr Dämonen seid allesamt absolut hässlich.«

 

Worte, auf die der Grhylla ein tiefes, finsteres Grollen von sich gab, seine schäbigen Zähne bleckte und seine blassbeige Hautfarbe abrupt einen bedrohlich dunklen Farbton annehmen ließ. Dabei hob er Rheyva nochmals ein bisschen höher, sodass dieser nun einen knappen halben Meter Platz zwischen Boden und Füßen hatte, und holte ihn so nah heran, dass sich ihre Gesichter fast berührten.

 

»Du hast ein ganz schön großes Maul, du Wurm«, brummte der Dämon, wobei sein linkes Augenpaar zur Seite blickte, als im gleichen Moment eine Hand auf seiner Schulter auftauchte. Erst jetzt registrierte der Technomagier, dass das Monstrum nicht alleine war, sondern einen Artgenossen im Schlepptau hatte.

 

»Kommen da noch mehr von euch?«, keuchte er und rang sich ein träges Lachen ab. »Dann sollten wir vielleicht nach draußen gehen, bevor die Hütte aus allen Nähten platzt.«

 

Die Antwort erhielt er prompt in Form eines hohlen Knurrens gleich beider Dämonen, wonach der zweite von ihnen noch etwas näher herankam, um dem Technomagier nun ebenfalls direkt ins Gesicht zu glotzen. Nummer Eins nahm derweil langsam wieder eine normale Hautfarbe an, soweit das bei diesen Bestien denn überhaupt möglich war.

 

»Hab ihn mir größer vorgestellt«, sagte Nummer Zwei, nahm Rheyvas Gesicht zwischen die dicken Finger und begutachtete ihn wie ein Stück frisches Fleisch.

 

»Ist er es denn nun?«, drängelte Nummer Eins, woraufhin Zwei abermals knurrte, sich schwerfällig um seinen Kumpanen herumdrückte, die linke Hand des Technomagiers in die Höhe riss und dessen Handfläche präsentierte.

 

»Mal des Meisters«, antwortete Zwei mit einem breiten Grinsen in der unansehnlichen Fratze und packte Rheyvas Hand noch etwas fester. »Er ist es. Bringen wir ihn zu ihm.«

 

Unter diesen Worten löste selbiger ein Seil von seinem schmutzigen Lendenschurz, klemmte es kurz zwischen seine Zähne, drehte anschließend beide Hände seines jüngsten Gefangenen auf dessen Rücken und fesselte diese mit erstaunlich flinken Fingern. Eins brummte derweil düster, machte schließlich ohne noch längeres Zögern auf dem Absatz kehrt, nachdem der andere Grhylla seine Arbeit beendet hatte, und quetschte sich durch den Türrahmen in die Stube, um sich folgend den Technomagier mühelos und wie einen Sack voller Sand über die Schulter zu werfen. Zwei blieb ihnen währenddessen dicht auf den Fersen.

 

»He, he, Moment mal!«, rief Rheyva aus, der nun endlich realisierte, dass es ihm offenbar wirklich an den Kragen gehen sollte, und begann so wild zu zappeln, wie er es in seiner denkbar schlechten Position noch vermochte – und das war nicht unbedingt viel. Dabei sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus: »Was wird denn das hier? Wo bringt ihr mich hin? Was, bei meiner Virga, soll der Unsinn? Verflucht noch eins, lass mich runter, du hässlicher Vogel! Wartet nur ab, wenn ich die Fesseln losgeworden bin, dann ...«

 

Das Nächste, was er spürte, war ein fester, dumpfer Schlag auf den Hinterkopf, der ihm zwar nicht vollends die Besinnung raubte, ihn allerdings dermaßen benebelte, dass er nichts anderes mehr tun konnte, außer still da zu hängen, den Mund zu halten und in Gedanken seine alten Bekannten „Magenmotten“ und „wirrer Schwindel“ abermals Willkommen zu heißen. Die beiden waren in letzter Zeit ungemein lästig, wenn es nach ihm ging.

 

»Der kleine Mann redet zu viel«, hörte er den zweiten Dämon noch sagen, wobei dieser die dicke Metallplatte in eine Ecke schleuderte, mit deren Hilfe er den Technomagier soeben lahmgelegt hatte.

 

Noch während die beiden Dämonen daraufhin in schallendes Gelächter ausbrachen, sich mitsamt ihrem Gefangenen aus der Hütte schälten und in Richtung der Sumpfwälder losmarschierten, fragte Rheyva sich ernsthaft, ob er dank Nummer Zwei plötzlich auch an Halluzinationen litt. Oder kamen etwa gerade tatsächlich zwei in dunkle Gewänder gehüllte Gestalten hinter seinem Haus hervorgesprungen, die ihm und seinen neuen „Freunden“ zügig hinterher eilten?

 

Nur Sekunden später wurde seine Frage von mehreren, rasch hintereinander durch die Luft zischenden Pfeilen und einem lauten Kampfschrei beantwortet, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Gleichzeitig fuhren die beiden Grhylla-Dämonen herum, ihrerseits den vermummten Angreifern voller Zorn entgegen brüllend, und mehr denn unfreiwillig reihte sich auch der Technomagier in den erlesenen Kreis der Schreienden ein, als einer der Pfeile seinen linken Oberschenkel durchbohrte. Hatte es denn heute wirklich jeder auf ihn abgesehen?

 

Dämon Nummer Eins indes riss Rheyva im selben Augenblick von seiner Schulter und schleuderte ihn zu Boden. Ein dumpfes Keuchen entlud sich aus seiner Kehle, als er unsanft auf dem Gras aufschlug, und während um ihn herum nun ein deftiges Kampfgetümmel losbrach, kündigte sein Verstand unmissverständlich an, langsam aber sicher eine wohlverdiente Pause einzulegen.

 

Willkommen daheim, war der letzte Gedanke, der sich in Rheyvas Bewusstsein schlich, ehe er sich der angenehmen Stille seiner in ihm aufkeimenden geistigen Umnachtung endgültig hingab.