Orcumorra: Schatten der Verdammnis - Kapitel 1: "Niemals mehr Technomagier."

I

 

Ebenso wie den Rest des Landes, hielt der inzwischen in ganz Orcumorra herrschende Winter auch die Ruinen von Cantupal fest in seinem eisigen Griff. Zwischen den etwa dreißig verfallenen Häusern erstreckten sich zahllose, strahlend weiße Schneewehen, die sämtliche der sich sachte zwischen den aus hellem Stein gemauerten Gebäuden hindurchschlängelnden Wege vollends verbargen. Auch die maroden, orangefarben gedeckten Dächer der einstmaligen Magierunterkünfte hatten eine alles andere als leichte Last zu tragen. Selbst manche der in den obersten Geschossen liegenden Zimmer blieben von dem neugierig einen Blick hineinwerfenden Weiß nicht verschont. Schuld daran trugen die größtenteils mit klaffenden Löchern versehenen Häuserdecken, dank derer der Schnee leichtes Spiel damit hatte, alles, was von den einstmaligen Besitzern an Ort und Stelle zurückgelassen worden war, mal mehr, mal weniger dicht zu benetzen.

 

Nach wie vor lag die alte Stadt der Magier verlassen da. Offensichtlich hatte seit den Tagen des schwarzen Krieges niemand mehr den Versuch gewagt, jenen Ort wieder aufzubauen, der so viele ausgezeichnete Magier hervorgebracht hatte, dass sie schon seit Jahrzehnten bloß schwerlich zählbar gewesen waren. Heuer jedoch gab es im gesamten Land nur mehr einen einzigen weißen Magier der sich noch in der Lage sah, sein vor vielen Jahren in Orcumorra gelerntes Handwerk auszuüben. Alle anderen seiner Zunft, ganz gleich, ob nun Meister oder nicht, hatten den Einklang mit den reinsten magischen Energien ihrer Welt von dem Moment an verspielt, in dem sie sich (verführt von einer gewissen schwarzmagischen Hexerpest namens Kejslit) den düsteren Mächten der Verdammnis hingegeben hatten. Als wäre das noch nicht genug, hatte ein Großteil von ihnen dieses überaus fragwürdige Bündnis bitter bezahlen müssen. Denn mit der Vernichtung des Imhúru-Dämons, der vor kaum mehr als vier Wochen beinahe alle Welten in eine endgültige Nichtexistenz gestürzt hätte, waren auch sie gestorben. Dahingerafft von einem Bann, der seine Wirkung mit dem Tod seines Herrn verloren und nahezu sämtliche ihm verfallen Weißmagier mit sich ins Verderben gerissen hatte. Aber auch die wenigen Angehörigen besagter Zunft, die mehr vom Glück gezeichnet waren als ihre bedauernswerten Freunde und dem unvermittelten, binnen Sekunden vollendeten Dahinscheiden entkamen, mussten für ihre Vergehen an den Mächten größter Reinheit einen hohen Preis bezahlen: Sie hatten ausnahmslos alle ihrer jemals erworbenen magischen Fähigkeiten eingebüßt und würden sie niemals mehr zurückerlangen.

 

Nichtsdestotrotz war Rheyva, der sich gerade in Begleitung seines langjährigen Freundes Haeverflox durch die Cantupal einnehmenden Schneemassen arbeitete, davon überzeugt, dass die Magier bald wieder zahlreicher sein würden. Immerhin hatte er sich als Letztem jener Zunft die Aufgabe zugeteilt, die Magierstadt endlich wieder zu dem zu machen, für das sie einst stand, indem er neue Novizen aufnahm und ihnen den Umgang mit den weißen Energien beibrachte. Aber so fest er sich das auch vorgenommen hatte, so wenig war er deswegen heute hier. Denn bevor er dieses den Rest seines Lebens bestimmende Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, gab es noch etwas weitaus Wichtigeres zu erledigen.

 

Magiermeister, dachte er mit einer Mischung aus Wehmut und Belustigung, während sie sich mühsamen Schrittes durch das nahezu hypnotisch glitzernde Weiß und die wild mit dem Wind umher tanzenden, wie ein dichter Vorhang wirkenden Schneeflocken voran schoben. Daran werde ich mich wohl nie ganz gewöhnen.

 

Trotz dessen blieb ihm nichts anderes übrig. Den Namen des Technomagiers wollte und konnte er nie wieder verwenden, obgleich er ihn so viele Jahre lang mit größtem Stolz jedem unter die Nase gerieben hatte, den er zu finden vermochte. Inzwischen allerdings hingen damit einerseits dermaßen dunkle, erst jüngst erworbene Erinnerungen zusammen (die er sämtlich Kejslit zu verdanken hatte), dass ihm schon allein bei dem Gedanken an diesen Begriff ein kalter Schauer den Rücken hinunter lief. Andererseits hatte er den Grund, weswegen er sich überhaupt erst all die Zeit als Technomagier bezeichnete, eigener Hand vor den Augen des Schwarzmagiers zerstört. So war es doch ausgerechnet seine getreue Virga gewesen, eben jene technische Apparatur, mit welcher er einst seine Magie auszuüben pflegte, die der Hexenkünstler für seine niederträchtigen Zwecke hatte nutzen wollen.

 

Natürlich wäre es für Rheyva ein Leichtes gewesen, ein paar Tage durch die Wüste von Ylibri zu streifen und neue Bauteile für eine neue Magische zu sammeln. Da aber sämtliche ihr seinerzeit innewohnenden Mächte mit ihrem Ende direkt auf ihn übergegangen waren - weshalb er sie ohnehin nicht mehr brauchte - und er zudem kein zweites Gerät erschaffen wollte, das womöglich eines Tages abermals für eine ähnlich brenzlige Situation wie die frisch abgewendete sorgen könnte, hatte er beschlossen, alles so zu belassen wie es jetzt war. Gerade so war es gut und richtig - und das mit dem Namen, das würde er bestimmt irgendwann auch noch verinnerlichen.

 

»He, du Genie«, meldete sich Haeverflox mürrisch zu Wort und drängte sich mitten zwischen die gerade viel zu sehr der Vergangenheit nachhängenden Gedanken des Magiermeisters. »Das mit deiner komischen Sichtlinse ist ja generell alles gut und schön, aber kannst du mal dafür sorgen, dass ich auf dem Ding auch bei diesem verfluchten Mistwetter was sehen kann?«

 

Es dauerte gute zehn Sekunden, ehe des Hassenichgesehns Beschwerde vollständig in den Verstand des Angesprochenen vorgedrungen war, dermaßen hatten ihn seine Grübeleien in weitaus düsterere Zeiten entführt. Doch als die Worte seines Freundes schließlich in des Magiers Hirnwindungen einen Sinn ergaben und er bemerkte, dass das bis eben noch hinter ihm ertönende, rhythmisch-dumpfe Knirschen der Schritte desselben abrupt gestoppt hatte, hielt er ebenfalls inne, wandte sich um und blickte hinab in Haeverflox’ angesäuerte Miene. Dieser hob demonstrativ seine Linke und wischte begleitet von einem entnervten Knurren mit dem Handballen über die sein rechtes Auge verdeckende, milchig beschlagene, gläserne Augenklappe, wonach er auf ihr für die Dauer eines einzelnen Atemzugs wieder über klare Sicht verfügte. Allerdings fror die Linse bereits einen Moment später wieder vollständig zu, was er mit einer entsprechend vorwurfsvollen Geste auf seine Sehhilfe und einem weiteren zornigen Brummen kommentierte.

 

»Du vergisst schon wieder, dass das immer noch ein Prototyp ist, Flox«, antwortete Rheyva. Beim Anblick des genau wie seine Wenigkeit in einen dicken, wärmenden Mantel gehüllten Hassenichgesehns, von dem zur Zeit nicht mehr als dessen übellauniges Gesicht zu sehen war, musste er unweigerlich schmunzeln. »Da funktioniert halt nicht immer gleich alles so, wie es soll.«

 

»Wenn ich mich recht erinnere, hat mir ein gewisser Jemand vor noch gar nicht allzu langer Zeit erklärt, dass derlei Fehler dazu da sind, um behoben zu werden«, grummelte sein Gegenüber und deutete abermals auf die mittlerweile mit neuen, kunstvollen Eisblumen bewachsene Sichtlinse. »Das hier jedenfalls sieht mir ganz nach einem solchen aus. Hättest du also die Güte?«

 

Ein weiteres mildes Grinsen huschte über das Gesicht des Magiermeisters. Derweil brachte er die drei Schritte Abstand zu seinem alten Freund hinter sich, legte Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand auf den oberen Rand des zugefrorenen Glases und flüsterte das Aktivierungswort seines Zaubers.

 

»Resistere.«

 

Anschließend brauchte es bloß einen Wimpernschlag, ehe sich das die Linse einnehmende Eis wie von Geisterhand auflöste, und es kehrte auch nicht mehr zurück. Gleiches zeichnete dafür verantwortlich, dass sich Haeverflox’ Laune schlagartig verbesserte.

 

»Inajtrè«, bedankte er sich in der Ursprache seiner Ahnen, gönnte dem Magiermeister ein Lächeln und ein knappes, anerkennendes Nicken.

 

»Gern geschehen«, antwortete Rheyva, woraufhin er seinem alten Freund aufmunternd auf die Schulter klopfte. »Komm, lass uns weiter ziehen. Wir sind fast da.«

 

Unter diesen Worten wandte er sich ab, zog den Mantel noch etwas enger um die Schultern und setzte seinen Weg in Richtung des im Herzen der Magierstadt ruhenden Turms des ersten weißen Meisters dieser Welt fort.

 

Haeverflox hingegen verharrte noch einen Moment und richtete mit verkniffener Miene die gläserne Augenklappe. Obwohl er sie seit mittlerweile zwei Wochen nahezu ständig mit sich herumschleppte, konnte er sich noch immer nicht recht daran gewöhnen. Dabei war ihm das von dem Magiermeister in mühevoller Kleinstarbeit zusammengezimmerte Gerät ungemein hilfreich, seitdem er nach einer Attacke Kejslits auf dem rechten Auge erblindet war. Denn durch einen auf dem Glas liegenden Zauber gab es ihm seine vollständige Sehfähigkeit zurück, solange er es trug. Trotzdem blieb das vermaledeite Ding furchtbar lästig.

 

Nur zu gerne verfing sich sein Fell in dem verzierten, silbernen Verschluss, der an seinem Hinterkopf saß, oder in den das Konstrukt an Ort und Stelle haltenden, dunklen Lederbändern, sodass ihm seither schon das eine ums andere Haarbüschel abhandengekommen war. Auch erwies sich die metallene Fassung der Sichtlinse als nicht unbedingt harmlos. Sie drückte hier, scheuerte dort und ziepte da, was selbst die inzwischen an ihrer Unterseite befindliche, gummiartige Polsterung nur teilweise zu verhindern wusste. Folglich stand zu befürchten, dass er bald an den entsprechenden Stellen statt des seinen gesamten Körper zierenden, anthrazitfarbenen Fells einen wunderbar kahlen Streifen mit sich herumtragen musste, der sicherlich perfekt zu den sein Gesicht immer mehr in Beschlag nehmenden, altmännerweißen Haaren passte. In der Tat war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der dort sprießende Pelz mitsamt der schwarzen Zeichnung komplett ergraut sein würde, und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, rief Haeverflox’ Spiegelbild ihm Tag für Tag in Erinnerung, dass er langsam aber sicher für Abenteuer wie dieses hier zu alt wurde. Auch wenn es ihm gewaltig missfiel, das zuzugeben.

 

Aber warum sollte er sich noch etwas vor-machen? Er war einhundertsechsundsechzig Jahre alt, wobei es nicht mehr allzu lange hin war, bis sich ein weiteres Jahr dazugesellte. Bei allem, was er im Verlauf seines Lebens durchgemacht hatte, durfte er sich freilich eingestehen, dass es allmählich reichte und an der Zeit war, sich zur Ruhe zu setzen. Nicht umsonst würde seine und Rheyvas momentane Mission, welche sie erst kürzlich (wie schon zahlreiche andere dieser Art zuvor) mit dem Aufbruch vom östlichen Weltende Orcumorras aus begonnen hatten, wahrhaftig seine Letzte sein. Das hatte er ganz entgegen seinem in derlei Belangen sonst so geheimniskrämerischen Naturell den Magiermeister schon vor geraumer Weile wissen lassen. Diese eine Sache aber, die wollte Haeverflox noch gemeinsam mit seinem alten Freund durchstehen, zumal es ihnen um nichts Geringeres denn die Rettung der Seele der Feuerstochter ging. Selbige war von Kejslit mit einem dunklen Bann belegt und von diesem auf dessen Geheiß hin in die Ebene der Qualen gerissen worden - die gemeinsam mit der Ebene der Erlösung die Dimension der Endgültigkeit formte -, um sie dort zu dauerhafter Folter heranzuziehen.

 

Bei diesem Gedanken sowie der damit einhergehenden Vorstellung von all den Schrecklichkeiten, die Alaru dank jener verfluchten, kleinen Pest ganz und gar unverdient erleiden musste, entfuhr ihm ein hasserfülltes Knurren. Heimlich wünschte er sich, einen Weg zu finden, wie er dem dahingeschiedenen Schwarzmagier eines schönes Tages doch noch mittels Unterstützung seiner Dolche demonstrieren konnte, was es hieß, wenn man ausgerechnet ihn wirklich wütend machte. Allerdings würde es zu seinem Bedauern wie zu seiner ehrlichen Beruhigung eine derartige Gelegenheit wohl nicht einmal in zehntausend Jahren geben; und wenn er genauer darüber nachdachte, war das für sämtliche Beteiligten ohnehin das Beste.

 

»Wie steht’s denn jetzt mit dir?«, zerrte der Magier das Hassenichgesehn unsanft zurück in die Gegenwart. »Kommst du nun mit, oder willst du dich vollends einschneien lassen?«

 

»Nun nimm halt mal ein bisschen Rücksicht auf meine alternden Gebeine, du junger Spund«, scherzte Haeverflox, sobald er seine alles andere als erträglichen Erinnerungen weit fortgeschoben hatte. Ener-gisch schüttelte er den kleinen Berg des auf seiner Kapuze angesammelten Schnees ab und setzte sich raschen Fußes in Bewegung, worauf sie begleitet von Wind, Schnee und Eiseskälte die letzten gut zweihundert Meter zum Turm zügig hinter sich brachten.

 

II

 

Wie der knorrige Zeigefinger eines tausende von Jahren alten Greises ragte der Turm des ersten weißen Meisters scheinbar mahnend vor den beiden Männern in den Himmel hinauf. Hier, direkt an seiner morschen, aus wurmstichigen Holzlatten zusammengezimmerten, unförmigen Tür stehend, wirkte er gleich noch einmal doppelt so hoch als er eigentlich war, während von ihm eine sogar für das Hassenichgesehn deutlich spürbare Aura der stärksten und reinsten weißen Energien ausging, die in Orcumorra gefunden werden konnten.

 

Das gesamte, etwa sechs Meter an Höhe messende Bauwerk erweckte den Eindruck, als hätte es sein einstmaliger Erschaffer von irgendwo hoch über den Wolken her planlos mitten in den Schoß des die Stadt rechts und links flankierenden, sich weit nach Osten und Westen hin erstreckenden Schiefergebirges hineingeworfen. Offenbar war es dabei vollkommen unwichtig gewesen, ob das schroffe, dreckig-graue Gestein diese Tortur nun auszuhalten vermochte oder nicht. Dem geneigten Betrachter zeigte sich indes schonungslos auf, dass wohl eher Letzteres zutraf. Die Bezeichnung ›krumm und schief‹ war jedenfalls besonders aus der Nähe gesehen noch weitaus untertrieben, wenn man den schlanken, etwa vier mal vier Meter an Durchmesser bietenden, rund gebauten Turm beschreiben wollte, der über die Jahrzehnte hinweg zu allem Übel auch noch ein gern gepiesacktes Opfer des natürlichen Verfalls geworden war. So lugten an vielerlei Stellen zahlreiche abgebrochene, wie aus dem Mauerwerk herausgeplatzt erscheinende Steine daraus hervor und formten mal mehr, mal weniger große, gezackte Löcher, die sicherlich in seinem Inneren für einen kräftigen Durchzug sorgten; wozu die diversen fehlenden Dachziegel, die einen hervorragenden Blick auf das unter ihnen befindliche Holzkonstrukt boten, zweifelsohne ihr Quäntchen beisteuerten. Nicht umsonst hatten die einstmals hier ansässigen Magier das reichlich betagte und zum Wahrzeichen der Stadt erklärte Gebäude bereits vor Jahrzehnten mit einem immerwährenden Erhaltungszauber gesichert, damit es nicht eines weniger angenehmen Tages einfach in sich zusammenbrach. Eine Tatsache, die Rheyva bereits vor gut acht Jahren dem Hassenichgesehn samt ihren schon viel zu lange nicht mehr unter ihnen weilenden Freunden Vesten und Alaru erklärt hatte, als sie sich in den Tagen des schwarzen Krieges eine Weile in Cantupal aufhielten.

 

»Warst du jemals da drin, Rhey?«, stellte Haeverflox nach einer Weile der Schweigsamkeit endlich jene Frage, die ihm schon seit dem Moment auf der Zunge brannte, seit welchem sie vor der klapprigen Eingangstür standen, mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Misstrauen das alte Gebäude musterten und sich von dem unablässig aus den die drei Sonnen verdeckenden Wolken rieselnden Schnee umhüllen ließen.

 

»Nein, bisher noch nicht«, antwortete der Magiermeister unter einem dezenten Kopfschütteln, wodurch er die kleine, weiße Flockenkrone zunich-temachte, die sich mühsam auf seiner Kapuze angesammelt hatte.

 

»Und du bist dir wirklich sicher, dass wir da finden, was du suchst?«, bohrte das Hassenichgesehn weiter. Trotz des Umstandes, dass dieses heruntergekommene Gemäuer ungemein faszinierend wirkte, wurde ihm schon beim reinen Gedanken, sich dort hinein zu wagen, ziemlich mulmig zumute.

 

»Ich fürchte ja«, seufzte Rheyva und kratzte sich nachdenklich die Stirn, was ihn um sein rechtes, fluffig-weißes Schulterpolster erleichterte. »Aber im Grunde dürfte eigentlich gar nichts passieren. Schließlich ist der Erhaltungszauber nach wie vor aktiv und hat den Turm bisher doch ganz gut zusammengehalten.«

 

»Sagtest du nicht, dass du den Zauber aufheben musst, wenn wir da rein wollen?«

 

»Hm ... Ja, in der Tat, da hast du wohl recht.« Der Magiermeister warf seinem alten Freund einen skeptischen Blick zu, der sich in Haeverflox’ Augen widerspiegelte, zuckte dann lapidar mit den Schultern und seufzte leise. »Tja, wenn wir Alaru helfen wollen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, was?«

 

Nun war es das Hassenichgesehn, welches dank eines schlichten Kopfschüttelns die den Großteil seiner tief ins Gesicht gezogenen Kapuze einnehmende Schneehaube verlor. Anschließend nickte es dem Magier unter einem verstohlenen Schnaufen zu, wobei es mit der offenen Hand auf die verlotterte Pforte deutete, stand doch eines so unumstößlich fest wie sie beide hier herumlungerten: Wollten sie Alaru aus ihrer misslichen Lage befreien, war dieser eigenartige, uralte Bau vor ihrer Nase mit Sicherheit das geringste Übel, das ihnen auf ihrem Weg unterkommen würde.

 

Um die Seele der Feuerstochter aus den Fängen ewiger Folter herauszuholen, hieß es nämlich für die beiden Männer, zuerst in die Dimension der Endgültigkeit überzutreten und anschließend auf die Ebene der Qualen zu wechseln. Obgleich keiner von ihnen jemals einen Fuß in diese Dimension gesetzt hatte, so lag es doch auf der Hand, dass sie dort sicher kein Zuckerschlecken erwartete.

 

»Gut, bringen wir es hinter uns«, befand Rheyva, der des Hassenichgesehns Körpersprache wie stets korrekt gedeutet hatte, streckte die rechte Hand in Richtung seines linken Unterarms aus und hielt mitten in der Bewegung inne, bevor seine Finger ihr mit dauerhafter Abwesenheit glänzendes Ziel erreicht hatten. Manchmal vergaß er es immer noch, dass die Virga fort war, was ihm jedes Mal aufs Neue einen kleinen, aber fiesen Stich versetzte.

 

»Magiermeister«, murmelte er mehr für sich als für irgendjemand anderen. »Niemals mehr Technomagier.«

 

Mit einem verlegenen Räuspern straffte er seine Haltung und zwinkerte Haeverflox grinsend zu, der ihn zuvor mit unverhohlenem, sich nun jedoch verflüchtigendem Mitleid betrachtet hatte. Dann legte er seine beiden ›magischen Finger‹, wie er sie neuerdings gern nannte, auf das nahezu unsichtbare, golden schimmernde, den Turm fest umschließende Energiefeld und flüsterte: »Expedire.«

 

Ein Gefühl größten Einklangs und tiefster Zufriedenheit erfasste ihn für die Dauer eines kräftigen Herzschlags, als mitsamt dem Ausspruch dieses Wortes die weißen Mächte wie eine watteweiche Welle seinen Körper durchströmten und taten, was er in aller Höflichkeit von ihnen erbat. Sich mit jenen reinsten Energien dieser Welt auseinanderzusetzen, war eine vollkommen neue Erfahrung für Rheyva, seit er nicht mehr durch die Virga mit ihnen kommunizierte, sondern in direkten Kontakt zu ihnen trat und so ihr sämtliches Wirken unmittelbar zu spüren bekam. Die wohlig warme Gänsehaut, welche er früher in Ausübung seiner Zauber verspürt hatte, war gar nichts im Vergleich zu dem, was er heuer durch seine Magie erlebte. Daher konnte er auch nicht umhin zu sagen, dass er sich seit dem Übergang der durch die Virga in Massen gesammelten Energien auf seine Wenigkeit mit den Kräften klarsten Weißes ungleich intensiver verbunden fühlte, als in all den Jahren davor. Gleiches wurde ihm zudem regelmäßig dadurch vor Augen geführt, dass er sich nur noch im Geiste vorzustellen brauchte, welchen Spruch er anwenden wollte, woraufhin dieser mitsamt der Verwendung des Aktivierungswortes binnen eines Sekundenbruchteils griff. Immer. Ausnahmslos. Und ganz ohne die ihm früher oftmals passierten Malheure.

 

»Hab ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass du mir ein bisschen unheimlich geworden bist, seit deine Magie so gut funktioniert?«, schmunzelte Haeverflox, während sich vor ihm und seinem alten Freund der glimmende Schleier in Luft auflöste und den Turm des weißen Meisters in die Freiheit entließ.

 

»Heute noch nicht«, lachte Rheyva. »Aber früher oder später werden wir uns wohl beide dran gewöhnen, stimmt’s?«

 

»Adh’harrai«, bestätigte der Angesprochene und schlug dem Magier begleitet von einem breiten Grinsen auf den Unterarm. »Du hast es weit gebracht, mein Freund. Und du weißt, so was sag ich nicht oft.«

 

»Werd mir jetzt bloß nicht sentimental, alter Mann«, erwiderte der Magier mit einem schelmischen Glitzern in den dunkelgrünen Augen.

 

»Werd du mir jetzt bloß nicht aufmüpfig, du Früchtchen«, gab das Hassenichgesehn unter gespielt zorniger Miene zurück, ließ die Spitze seines Schwanzes unter der längst wieder zugeschneiten Kapuze hervorlugen und energisch auf sein Gegenüber deuten. »Wie man jemanden um seine vorlaute Zunge erleichtert, hab ich nämlich nicht vergessen. Klar?«

 

Beide Männer tauschten noch einen letzten belustigten Blick untereinander, bevor sie sich auf das besannen, weswegen sie hergekommen waren. Dann schob Rheyva unter aller gebotenen Vorsicht die Tür zum Inneren des Turmes auf, und sie schlüpften hinein.