Kapitel 1: Wächtertempel - Gegenwart

Heute war kein guter Tag.

 

Beim besten Willen nicht, denn er bestand einzig und allein aus Schmerz. Jedoch keineswegs aus einem solchen, der von den zwei geprellten Rippen herrührte, die Haeverflox aus dem Hause Thi’Khaa, seines Zeichens dem Volk der Hassenichgesehn angehörig und zudem Jungwächter im Orden der angesehensten Dämonenjäger Orcumorras, seit dem morgendlichen Training sein Eigen nannte; einerseits, weil er wieder einmal viel zu viel gewollt hatte, und andererseits, weil er heuer alles andere als bei der Sache gewesen war. Nein, dieser Schmerz, welcher sich seit seinem Erwachen kurz nach Mitternacht unerbittlich und mit glühend heißen Zähnen durch sämtliche Fasern seines knapp achtzig Zentimeter hohen Körpers fraß, war von einer gänzlich anderen Art, entsprang er doch den bodenlosen Tiefen seiner Seele.

 

Er hatte kein Auge mehr zugetan, nachdem ihn das, was niemals hätte passieren dürfen, sich aber trotz dessen nunmehr zum vierten Mal jährte, so abrupt aus dem Schlaf befördert und ihn einmal mehr vollends übermannt hatte. Ruhelos, ja, beinahe schon ernsthaft verstört, war er den Rest der Nacht in seinem kleinen, spärlich eingerichteten Zimmer auf und ab gewandert, bis der Weckdienst an seine Türe klopfte und ihn - ebenso wie seine Mitwächter - an seine Pflicht erinnerte. Was darauf folgte, waren das die große Versammlungshalle füllende, allmorgendliche Zusammentreffen der in ihrer als „Wächtertempel“ benannten Stadt anwesenden Ordensmitglieder, ein ebenso standardmäßiges, gemeinschaftliches Frühstück sowie die sich an selbiges anschließende Einteilung. Fürwahr, in Orcumorra gab es immer etwas zu tun, selbst für jene, die keinen der begehrten Jagdaufträge zugesprochen bekamen, denn auch innerhalb der Stadt fanden sich Aufgaben zur Genüge, und sei es nur Küchendienst, Gartenpflege, Putzdienst oder was auch immer. Oder eben das Feilen an den eigenen Kampfkünsten; eine Sache, welche unter den Wächtern gleich nach der Dämonenjagd die höchste Priorität besaß und selbstredend allen anderen innerhalb der Stadtmauern zu verrichtenden Tätigkeiten voran stand. Nicht zuletzt deshalb (und obschon er dank seiner heutigen Verfassung nur zu gut wusste, dass es sicherlich klüger gewesen wäre, dieses Mal auszusetzen) hatte Haeverflox sich bei seinem Lehrmeister, welcher zugleich der für sein Haus verantwortliche Altwächter war, erst im Anschluss an die Trainingsstunde der Daheimgebliebenen einen freien Tag erbeten.

 

Da saß er nun, hockte dem sprichwörtlichen Häufchen Elend alle Ehre machend an einem kleinen Tisch in der dunkelsten, weitestab von allem anderen gelegenen Ecke der hoch aufgemauerten, reichlich geräumigen, für jedwede Form von Zeremonien und Festivitäten oder schlichtweg dem schnöden Beisammensein dienenden Versammlungshalle und war wenigstens momentan noch vollkommen allein. Natürlich würde sich dies erfahrungsgemäß bald ändern, denn er war beileibe nicht der Einzige in dieser Stadt, welcher sich nach getaner Arbeit gerne das eine oder andere fein gebraute oder stark gebrannte Tröpfchen genehmigte, und natürlich wäre er jetzt wesentlich lieber auf seinem Zimmer gewesen als hier, wo ihm in Kürze sich mehrende Gesellschaft bevorstand. Allerdings verbot der Rat es strikt, berauschende Getränke innerhalb der eigenen Unterkunft aufzubewahren, geschweige denn, sie dort ihrer Bestimmung zuzuführen. In jener Hinsicht, ebenso wie bei sämtlichen anderen der mannigfaltigen, von ihnen aufgestellten Regeln, verstanden die vier Oberhäupter des Wächtertempels keinen Spaß, und wer erwischt wurde, dem blühte was. Die Glücklichen ereilte ein heftiger Tadel, den etwas weniger Glücklichen wurde die Aberkennung des zuletzt erworbenen Ranges angedroht, den schon ärger Getroffenen widerfuhr genau dies und die ganz armen Tölpel flogen augenblicklich und unwiderruflich aus dem Tempel.

 

Dies alles jedoch waren Dinge, über die Haeverflox sich zur Zeit am allerwenigsten Gedanken machte, zumal er, wenn sich der Saal langsam neuerlich zu füllen begann, zweifellos bereits dermaßen betrunken sein würde, dass die anderen Wächter für ihn so oder so nurmehr verwaschene Schemen im flackernden Fackelschein darstellten, derer er sich nicht zu kümmern brauchte.

 

Er seufzte schwer und schwenkte die mittlerweile schon zur Hälfte geleerte Flasche Met in seiner Linken einen Augenblick lang sachte hin und her, ehe er sich einen weiteren ordentlichen Schluck des würzig-süßen Getränkes genehmigte. Sanft brannte die zimmerwarme, goldfarbene Flüssigkeit in seiner Kehle, als sie in seinem Inneren hastig hinab rann und er sich unter einem weiteren, todtraurigen Schnaufen mit der Rechten über die kurze Schnauze fuhr. Anschließend lehnte er die Ellenbogen auf die hölzerne Tischplatte vor sich und betrachtete mit trüber Miene sein verzerrtes Spiegelbild, welches ihm vom runden Korpus einer der zwei weiteren, geduldig auf ihren schon bald anstehenden Einsatz wartenden Met-Flaschen entgegen starrte.

 

Der halblange, anthrazitfarbene und in seinem Gesicht sowie an Armen, Beinen und seinem etwa körperlangen, nochmals etwas längerfelligen Schwanz mit einer schwarzen Zeichnung versehene, seinen gesamten Körper bedeckende Pelz wurde von dem Honigwein in einen seltsam kränklichen, gelbstichigen Farbton getaucht, und seine eigentlich dunkellilafarbenen Augen bildeten bloß kleine, jämmerliche, schwarze Flecken, aus denen die ihn beutelnde Qual nur so sprühte. Derweil passten seine großen Ohren, die seine wüstenfuchsähnliche Erscheinung umso deutlicher machten, sich dem ihm anhaftenden Trauerbild in vortrefflicher Manier dadurch an, dass sie schlaff zu den Seiten seines Kopfes herabhingen und den Eindruck erweckten, sich für kein Gold der Welten jemals wieder aufrichten zu wollen. Insgesamt also gab er derzeit ein Bild absoluter Trostlosigkeit ab, was ihn jedoch nicht davon abhielt, sich (wie schon in den zurückliegenden Jahren an eben jenem verfluchten Tag) mit nicht weniger denn ihm selbst geltenden Schuldzuweisungen zu überhäufen, deren stummes Niederregnen ohne Gnade seine Seele peitschte. Dies, obgleich er genau wusste, dass nicht durch seine eigene Hand geschehen war, was ihn seit jeher stets verfolgte. Was nicht den einzigen, für ihn jedoch den wichtigsten Grund bildete, warum er überhaupt zu den Wächtern gestoßen war, um einer der ihren zu werden. Was ihn Zeit seines Lebens nie wieder loslassen würde (eine Tatsache, die umso schwerer wog, wenn er bedachte, dass seine Art weit über zweihundert Jahre alt werden konnte) und in Gestalt eines ewig währenden, scharfen Stichs tief in seinem Herzen blieb. Zwar ein solcher, dessen stetiges Bohren er zu beinahe jeder anderen Stunde relativ geschickt zu verdrängen in der Lage war, der aber auf diese Art und Weise am Jahrestag seines Entstehens für Haeverflox zur unausweichlichen, ihn von innen heraus zersprengen wollenden Pein mutierte.

 

Er vermochte es nurmehr zu ertränken, jenes seine Existenz prägende Leid, mit berauschenden Flüssigkeiten zu betäuben, bis alles um ihn herum verschwand und seine Sinne ihr Heil in der Flucht suchten. Es war die einzige Möglichkeit, welche ihn diesen tausendfach verfluchten Tag überhaupt durchstehen ließ.

 

Abermals setzte er die Flasche an, schloss die Augen und leerte den Rest ihres Inhaltes ohne abzusetzen, rammte anschließend das gläserne Gefäß auf die Tischplatte, dass es krachte, und stieß ein ebenso düsteres wie schmerzerfülltes Knurren aus. Indes machte sich die Wirkung des Honigweins langsam aber sicher bemerkbar, welcher endlich den ihm so eigenen, heilenden Schleier hinter seiner Stirn auszubreiten begann, woraufhin tatsächlich ein flüchtiges, kaum erkennbares Grinsen über sein Gesicht huschte, in dessen Anschluss Haeverflox sich ohne großartig nachzudenken die nächste Flasche griff und die Krallen von Zeige- sowie Mittelfinger seiner rechten Hand in dem dunklen Korken versenkte. Schon einen kräftigen Ruck später strömte der Duft frischen Mets in seine mit einem hervorragenden Geruchssinn gesegnete Nase und animierte ihn zu einem weiteren, tiefstmöglichen Blick in die Weiten jenen goldenen Meeres, welches ihm wenigstens vorübergehend absolutes Vergessen einbringen würde. Lange jedenfalls dauerte es nicht, bis der Füllstand auch dieses bauchigen Behältnisses sich entscheidend verringert hatte. Zu des Hassenichgesehns stillem Ärger jedoch war es inzwischen vorbei mit der Ruhe, denn gefühlt bei jedem Schluck, den es tat, quollen mehr und mehr seiner Ordensbrüder- und Schwestern von draußen herein, wobei jeder von ihnen seinen Beitrag zum stetig anschwellenden Geräuschpegel hinzu gab. Wie sein Gehör, welches seinem Geruchssinn wahrlich in nichts nachstand, ihm verriet, war der wohl größte Anlass für das allgemeine Geplapper der Jagderfolg eines am Mittag heimgekehrten Sechsertrupps, der seit geraumer Weile zwei Rhu’Wharakk-Dämonen (fiese, vierarmige Muskelberge, von denen der Jungwächter selbst zu gerne mal einen erledigen würde) auf der Spur gewesen war, die ihrerseits mehrere der naheliegenden Dörfer heimgesucht und reichlich Zerstörung und Tote zurückgelassen hatten. Ganz offensichtlich würden sie solcherlei Dinge jedoch fortan niemals wieder tun. Natürlich ein Grund zum Feiern, gar keine Frage.

 

Nun, immerhin ließen die anderen ihn ihrem Freudentaumel zum Trotz in Frieden.

 

Zumindest etwas.

 

Darauf musste Haeverflox trinken.

 

Prost miteinander!

 

Und so registrierte er zu guter Letzt nicht einmal mehr, dass sein Kopf immer schwerer und schwerer wurde, bis er schließlich irgendwann sein Lager in sicherer Obhut seiner auf dem Tisch verschränkt liegenden Arme fand, während ihm der ehemalige Inhalt der dritten und letzten Flasche Honigwein endlich jedwede noch vorhandene Erinnerung sowie gleichermaßen das Bewusstsein nahm.